"Eine Schulhofgeschichte mit den Highlights der Jugendsprache"
„Na ihr Lauche?“
Simultan
erhoben sich sechs Augenpaare von ihren Smartphones und taxierten Christoph
Grubers blasses Gesicht.
„Wie
bitte?“, erwiderte Letizia mit pikiertem Unterton.
„Wer sind
Sie?“, fragte Connor misstrauisch.
Gruber
nestelte nervös an seiner schwarzen Snapback Cap, auf der das Logo des Wu Tang
Clans prangte.
„Sorry, i bims. Christoph. Chris. Ich bin neu hier. Hi.“
„Sorry, i bims. Christoph. Chris. Ich bin neu hier. Hi.“
„Welches Fach
unterrichten Sie denn?“, fragte Zoe, „Das Sekretariat ist in der zweiten
Etage.“
„Bestimmt
Ethik oder DS“, murmelte Connor und rollte mit den Augen.
Gruber
wischte sich eine Schweißperle von der Stirn.
„Haha. Äh,
LOL! Epic Missverständnis. Nee, ich geh
jetzt auch hier zur Penne!“
Letizia hob
die Augenbrauen. „Zur Penne?“
„Das Wort
benutzen meine Eltern auch“, sagte Zoe.
„GAMMELFLEISCHALARM,
am I right?!“, rief Gruber so laut, dass die Jugendlichen zusammenzuckten. Niemand
sagte etwas. Betreten blickte Gruber auf seine neongrünen Nike Air Max Sneakers.
Sein rechtes Augenlid zuckte.
„Tja äh“, fuhr er dann nach einigen Sekunden übertrieben fröhlich fort, „sheeesh, wenn das mal nicht awkward war!“
„Ja, das
könnte man…“, begann Connor, doch Gruber schnitt ihm das Wort ab.
„Aber ist ja
auch BUMS! Sagt mal, ihr habt doch alle Handys, oder?“
„M-hm“, murmelten die drei Jugendlichen
unisono irritiert.
„Nicenstein“,
antwortete Gruber zufrieden, „Können uns ja mal auf Facebook connecten!“
„Hab ich
nicht“, sagte Letizia.
„Ich auch
nicht“, sagte Connor.
„Wenn’s sein
muss“, sagte Zoe.
Einen Moment lang dachte Gruber sichtlich angestrengt nach, um anschließend einen DIN A4-großen Zettel aus einer Dokumentenmappe in seinem Eastpak-Rucksack hervorzuholen.
„Sorry People,
muss nur kurz meinen Stundenplan checken…“, murmelte er, während seine zusammengekniffenen
Augen hektisch über das eng bedruckte Blatt Papier flogen.
„Wo müssen
Sie… wo musst du denn hin zur nächsten Stunde?“, fragte Zoe.
Connor und
Letizia versuchten derweil unauffällig die Runde zu verlassen.
„Wartet
mal!“, rief Gruber manisch, der nun an seinem Smartphone herumfummelte.
Er räusperte
sich.
„Angenommen,
ihr hättet die Choice zwischen einem gelben und einem pinken Alcopop – welche
Farbe hat mehr Swag?“
Drei entgeisterte
Gesichter blickten ihm entgegen. Connor fand als erster die Sprache wieder.
„Was?“
Gruber
lachte nervös. An den Rändern seines Tanktops bildeten sich dunkle
Schweißflecken.
„Diggi, das
ist so ein neues Entweder-oder-Game – das ist super LIT!“
„Nehmen Sie uns etwa auf?“, kreischte Letizia und deutete auf Grubers Smartphone.
Auf ebenjenem
leuchtete ein großer roter Kreis, in dessen Mitte eine Uhr die Minuten und
Sekunden zählte. Hektisch steckte er das Telefon in seine Hosentasche.
„Pfff, wack,
oder was? Ich bin ein Ehrenmann!“
„Die Barbie
hat wohl Hallus“, flüsterte er Connor ins Ohr und boxte ihm spielerisch gegen
die Brust.
„Okay“, fuhr
er dann fort, „Ziggis oder Vape? iQOS oder Juul? Was turnt euch mehr an? Hit me!“
Letizia und
Connor schüttelten mit den Köpfen.
„Rauchen
verursacht neun von zehn Lungenkarzinomen“, sagte Zoe vorwurfsvoll.
„Wir gehen
jetzt“, sagte Connor.
Gruber
schwitzte nun so sehr, dass er seine Kappe abnahm, unter der ein lichter Haaransatz
zu Tage trat.
„Auf einer
Skala von eins bis zehn – wie happy seid ihr mit eurem Mobilfunkanbieter?“
Verstört liefen die Jugendlichen in Richtung des Schulgebäudes. Mehrere Schüler unterbrachen ihre Pausenaktivitäten und starrten in Grubers Richtung.
„Yo!“, rief er
verzweifelt, „Wieviel Prozent eures Taschengelds gebt ihr pro Monat für In-App-Käufe
aus? Round about?“
Die
Schulklingel läutete.
„Dagi Bee
oder Bibi – wer hat die fresheren Beauty-Tipps?“, brüllte Gruber sein Smartphone
in die Höhe streckend, doch im gleichen Moment verschwanden Connor, Letizia und
Zoe bereits hinter den hohen Holztüren der Oberschule.
„Fuck“, murmelte Gruber.
„Das sagt
man nicht“, sagte ein etwa achtjähriges Mädchen streng, das plötzlich neben ihm
stand.
„Sorry“,
brummte er.
„Hey Leute“,
fuhr das kleine Mädchen dann plötzlich in beschwingtem Tonfall fort und
richtete ihr iPhone im Selfie-Modus auf sich und Gruber.
„Ich bin’s
mal wieder, eure Desdemooooona – live auf Insta aus der Schuuule! Hier hängt
grad voll der creepy Typ ab. Oooah, mega, schon über zweihundert Zuschauer! Hugs
and kisses!“
Sie warf Luftküsse
in die Kamera. Panisch griff Gruber nach seinem Rucksack und taumelte zum
Ausgang des Schulhofs.
„Warte doch mal!“, quietschte Desdemona und richtete das Smartphone auf ihn, „Iiiihh, wie der schwiiiitzt! Kennt ihr auch so Spackos? Schreibt es mir in die Kommis!“
Grubers Cap
fiel auf den Boden während er zu seinem Auto rannte. Dann fuhr er mit
quietschenden Reifen davon.
„Wu-Tang
Clan“, las Desdemona laut in die Kamera ihres iPhones.
„Kenn ich
nicht.“
Sie zuckte
mit den Schultern und warf die Kappe in den Müll. Mittlerweile hatten sich
schon über vierthundert von Desdemonas zweitausend Followern zugeschaltet. Es
war ein erfolgreicher Tag für sie.
© Alexandra Hinz
© Alexandra Hinz
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