Sonntag, 9. Juni 2019

Was für 1 große Pause

Aufgabe 5 - von Bettina:
"Eine Schulhofgeschichte mit den Highlights der Jugendsprache"

„Na ihr Lauche?“
Simultan erhoben sich sechs Augenpaare von ihren Smartphones und taxierten Christoph Grubers blasses Gesicht.
„Wie bitte?“, erwiderte Letizia mit pikiertem Unterton.
„Wer sind Sie?“, fragte Connor misstrauisch.
Gruber nestelte nervös an seiner schwarzen Snapback Cap, auf der das Logo des Wu Tang Clans prangte.

 „Sorry, i bims. Christoph. Chris. Ich bin neu hier. Hi.“
„Welches Fach unterrichten Sie denn?“, fragte Zoe, „Das Sekretariat ist in der zweiten Etage.“
„Bestimmt Ethik oder DS“, murmelte Connor und rollte mit den Augen.
Gruber wischte sich eine Schweißperle von der Stirn.
„Haha. Äh, LOL!  Epic Missverständnis. Nee, ich geh jetzt auch hier zur Penne!“
Letizia hob die Augenbrauen. „Zur Penne?“
„Das Wort benutzen meine Eltern auch“, sagte Zoe.
„GAMMELFLEISCHALARM, am I right?!“, rief Gruber so laut, dass die Jugendlichen zusammenzuckten. Niemand sagte etwas. Betreten blickte Gruber auf seine neongrünen Nike Air Max Sneakers. Sein rechtes Augenlid zuckte.

„Tja äh“, fuhr er dann nach einigen Sekunden übertrieben fröhlich fort,  „sheeesh, wenn das mal nicht awkward war!“
„Ja, das könnte man…“, begann Connor, doch Gruber schnitt ihm das Wort ab.
„Aber ist ja auch BUMS! Sagt mal, ihr habt doch alle Handys, oder?“
 „M-hm“, murmelten die drei Jugendlichen unisono irritiert.
„Nicenstein“, antwortete Gruber zufrieden, „Können uns ja mal auf Facebook connecten!“
„Hab ich nicht“, sagte Letizia.
„Ich auch nicht“, sagte Connor.
„Wenn’s sein muss“, sagte Zoe.

Einen Moment lang dachte Gruber sichtlich angestrengt nach, um anschließend einen DIN A4-großen Zettel aus einer Dokumentenmappe in seinem Eastpak-Rucksack hervorzuholen.
„Sorry People, muss nur kurz meinen Stundenplan checken…“, murmelte er, während seine zusammengekniffenen Augen hektisch über das eng bedruckte Blatt Papier flogen.
„Wo müssen Sie… wo musst du denn hin zur nächsten Stunde?“, fragte Zoe.
Connor und Letizia versuchten derweil unauffällig die Runde zu verlassen.
„Wartet mal!“, rief Gruber manisch, der nun an seinem Smartphone herumfummelte.
Er räusperte sich.
„Angenommen, ihr hättet die Choice zwischen einem gelben und einem pinken Alcopop – welche Farbe hat mehr Swag?“
Drei entgeisterte Gesichter blickten ihm entgegen. Connor fand als erster die Sprache wieder.
 „Was?“
Gruber lachte nervös. An den Rändern seines Tanktops bildeten sich dunkle Schweißflecken.
„Diggi, das ist so ein neues Entweder-oder-Game – das ist super LIT!“

„Nehmen Sie uns etwa auf?“, kreischte Letizia und deutete auf Grubers Smartphone.
Auf ebenjenem leuchtete ein großer roter Kreis, in dessen Mitte eine Uhr die Minuten und Sekunden zählte. Hektisch steckte er das Telefon in seine Hosentasche.
„Pfff, wack, oder was? Ich bin ein Ehrenmann!“
„Die Barbie hat wohl Hallus“, flüsterte er Connor ins Ohr und boxte ihm spielerisch gegen die Brust.
„Okay“, fuhr er dann fort, „Ziggis oder Vape? iQOS oder Juul? Was turnt euch mehr an? Hit me!“
Letizia und Connor schüttelten mit den Köpfen.
„Rauchen verursacht neun von zehn Lungenkarzinomen“, sagte Zoe vorwurfsvoll.
„Wir gehen jetzt“, sagte Connor.
Gruber schwitzte nun so sehr, dass er seine Kappe abnahm, unter der ein lichter Haaransatz zu Tage trat.
„Auf einer Skala von eins bis zehn – wie happy seid ihr mit eurem Mobilfunkanbieter?“

Verstört liefen die Jugendlichen in Richtung des Schulgebäudes. Mehrere Schüler unterbrachen ihre Pausenaktivitäten und starrten in Grubers Richtung.
„Yo!“, rief er verzweifelt, „Wieviel Prozent eures Taschengelds gebt ihr pro Monat für In-App-Käufe aus? Round about?“
Die Schulklingel läutete.
„Dagi Bee oder Bibi – wer hat die fresheren Beauty-Tipps?“, brüllte Gruber sein Smartphone in die Höhe streckend, doch im gleichen Moment verschwanden Connor, Letizia und Zoe bereits hinter den hohen Holztüren der Oberschule.

„Fuck“, murmelte Gruber.
„Das sagt man nicht“, sagte ein etwa achtjähriges Mädchen streng, das plötzlich neben ihm stand.
„Sorry“, brummte er.
„Hey Leute“, fuhr das kleine Mädchen dann plötzlich in beschwingtem Tonfall fort und richtete ihr iPhone im Selfie-Modus auf sich und Gruber.
„Ich bin’s mal wieder, eure Desdemooooona – live auf Insta aus der Schuuule! Hier hängt grad voll der creepy Typ ab. Oooah, mega, schon über zweihundert Zuschauer! Hugs and kisses!“
Sie warf Luftküsse in die Kamera. Panisch griff Gruber nach seinem Rucksack und taumelte zum Ausgang des Schulhofs.

„Warte doch mal!“, quietschte Desdemona und richtete das Smartphone auf ihn, „Iiiihh, wie der schwiiiitzt! Kennt ihr auch so Spackos? Schreibt es mir in die Kommis!“
Grubers Cap fiel auf den Boden während er zu seinem Auto rannte. Dann fuhr er mit quietschenden Reifen davon.
„Wu-Tang Clan“, las Desdemona laut in die Kamera ihres iPhones.
„Kenn ich nicht.“
Sie zuckte mit den Schultern und warf die Kappe in den Müll. Mittlerweile hatten sich schon über vierthundert von Desdemonas zweitausend Followern zugeschaltet. Es war ein erfolgreicher Tag für sie.

© Alexandra Hinz

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