Aufgabe 4 - von Daniel:
"Eine SteamPunk-RomCom mit einem Eierbecher als Running Gag"
Wie jeden Morgen klopfte es genau dreimal an der Tür bevor diese energisch geöffnet wurde. Zerstreut blickte Thilda von der Werkbank auf und stellte den Schweißbrenner ab, der ihr Zimmer bis eben noch in gleißend blauflackerndes Licht getaucht hatte.
„THILDA!“, mahnte Alwine von Stülpnagel mit Blick auf die zerzausten Haare und das von Ruß geschwärzte Gesicht ihrer Tochter, „Was hatten wir gesagt?“
„Kein Werken vor der Schule“, brummte Thilda und rollte, für ihre Mutter nicht sichtbar, hinter der dunkel getönten Schweißerbrille mit den Augen.
„Der Ton, junge Dame!“, mahnte Alwine von Stülpnagel erneut, aber konnte sogleich ein Schmunzeln nicht unterdrücken, als Thilda die Brille absetzte und sie launisch aus zwei kreisrunden, hellen Augenflecken anfunkelte.
„Dabei hatte ich einen guten Grund, Mutter“, sagte Thilda spitz und lenkte ihren Blick auf die Werkbank. „Thomas‘ Bein hat sich gelöst und ich musste es anlöten. Ansonsten viel Freude, wenn er so den ganzen Tag durch die Wohnung scheppert und dich beim Schreiben stört.“
Auf der zugestellten Werkbank, zwischen unzähligen Werkzeugen, Zahnrädern, Schläuchen und Gefäßen, lag ein metallener Hund von der Größe und Statur eines kleinen Terriers regungslos auf dem Rücken.
„Außerdem sind wir ja bereits fertig.“
Thilda öffnete eine zigarrenschachtelgroße Klappe am Bauch des messingfarben-glänzenden Geschöpfes und führte einen Schraubenzieher ins Innere. Nach nur wenigen Handbewegungen begann es in dem Tier leise zu knacken und zu surren. Auch in die Glieder schien langsam Bewegung zu kommen. „Stillhalten, Thomas“, murmelte Thilda zärtlich, während sie die Klappe wieder sorgfältig verschraubte. Dann stellte sie sich neben die Werkbank, klopfte auf ihren Oberschenkel und sagte, „Fuß!“ In Sekundenbruchteilen drehte sich der Hund um, sprang von der Werkbank herunter und landete mit einem harten Klonk auf dem Parkett. Aufgeregt rannte er um die Beine der beiden Frauen herum und schien sich angesichts seines neu befestigten Hinterlaufs zu freuen.
Alwine von Stülpnagel seufzte und begab sich auf den Rückzug.
„Nun gut, ich will nichts gesagt haben, du Brausekopf. Aber jetzt mach dich zurecht! Wendelin ist schon da und bereitet den Wagen vor.“
Thilda öffnete die schwere Gardine und blickte hinunter auf die Straße, wo Wendelin Kupferbach, wie jeden Morgen, in seinem viel zu großen und schlecht sitzenden Chauffeursanzug stand, und mit einem langen Gartenschlauch den Wasserkessel befüllte. Sie schätzte, dass es noch etwa zwanzig Minuten dauern würde, bis der Wagen abfahrbereit wäre.
Wie befohlen wusch sich Thilda das Gesicht und flocht ihre fuchsroten Haare in einen langen Zopf. Dann schlüpfte sie in ihr Lieblingskleid – das dunkelgrüne, hochgeschlossene und mit Spitze verzierte – und schlang sich einen schwarzen Atlasgürtel um die Taille. Nun fehlten nur noch die braunen Stiefeletten und die fingerlosen Handschuhe aus braunem Leder. Zuletzt zog Thilda unter ihrem Himmelbett einen kleinen, schwarzen Koffer hervor und warf einen weiteren Blick aus dem Fenster. Wendelin hatte nun die Lötlampe in der Hand und war dabei, den Pilotbrenner anzuzünden. Sein sorgsam gescheiteltes, blondes Haar fiel ihm in die Augen. Hoffentlich würde er sich nicht wieder selbst in Brand stecken, dachte Thilda. Das war nur EIN-mal, würde Wendelin jetzt erwidern, aber Familie von Stülpnagel würde dieses Debakel wohl ewig in Erinnerung bleiben.
Mit Thomas im Schlepptau ging Thilda die Treppe hinunter zum Salon, um sich von ihrer nun in einem grünen Ohrensessel sitzenden Mutter zu verabschieden. Diese blickte verwundert von ihrem Buch auf, als sie ihre Tochter erblickte. „Das ist aber keine Schulkleidung?“
„Primanerinnen haben eben gewisse Privilegien“, sagte Thilda schulterzuckend und gab ihrer Mutter einen Wangenkuss. Eine gymnasiale Oberstufe für Mädchen gab es erst seit wenigen Jahren und Alwine von Stülpnagel hatte das Lyzeum bereits mit fünfzehn Jahren verlassen müssen.
„Ich hoffe das stimmt…“, sagte Thildas Mutter stirnrunzelnd.
„Und wie das stimmt! Thomas, sitz.“
Mit einem leisen Klonk ließ sich der metallene Hund zu den Füßen Alwines von Stülpnagel nieder.
„Bis heute Nachmittag, Maman!“, sagte Thilda sich auf dem Absatz umdrehend.
„Bis dann, du Brausekopf“, sagte Thildas Mutter kopfschüttelnd, „und nimm dein Frühstück mit!“ Dann versenkte sie sich wieder in ihrem Buch über die Französische Revolution.
Der Wagen war bereits von Wasserdampf eingenebelt, als Thilda die Straße betrat. Hektisch zog Wendelin seine ausgebeulte Schirmmütze. „Gu-guten Morgen, Thilda!“
„Guten Morgen, Wendelin“, antwortete sie mit ausdrucksloser Miene.
Er wollte nach Thildas Koffer greifen, doch sie zog ihn zurück. Thilda setzte sich auf den Beifahrersitz, den Koffer auf dem Schoß, und blickte starr geradeaus. Wendelin nickte stumm, setzte sich ans Steuer und brachte den Wagen durch Betätigung verschiedener Hebel in Bewegung, sodass er nahezu lautlos losrollte. Zum Lyzeum brauchten sie etwa zwanzig Minuten bei normalem Verkehr. Im Wagen herrschte eine angespannte Stille, die durch die Geräuschlosigkeit des Gefährts noch zusätzlich verstärkt wurde. Wendelin nestelte nervös an seinem Krawattenknoten.
„Hände ans Steuer“, sagte Thilda ernst, obwohl sie gerade an einer roten Ampel warteten.
„Entschuldigung. Thilda, ich…“, stotterte Wendelin, „wollte noch einmal… wegen neulich…“, doch sie unterbrach ihn barsch. „Ist doch müßig, Wendelin. Jetzt nach rechts fahren.“
Wendelins graublaue Augen wanderten irritiert hin und her zwischen der Ampel und seiner Beifahrerin.
„Aber zum Lyzeum müssen wir doch weiter geradeaus… Und wegen neulich…“
Thilda stöhnte. „Heute fahren wir so, wie ich es sage, Wendelin. Jetzt nach rechts!“ Sie biss die Zähne zusammen und erzwang ein joviales Lächeln. „Bitte?“
Wendelin schluckte schwer und schien all seinen Mut anzusammeln.
„Ich fahre nur nach rechts, wenn… wenn wir endlich über den Kuss sprechen!“
Die Ampel sprang auf gelb. Scheinbar gleichgültig zuckte Wendelin mit den Schultern, doch rote Flecken in seinem Gesicht verrieten seine Aufregung.
„Impertinenter Flegel!“, hisste Thilda und Wendelin glaubte, jeden Moment Dampf aus ihren Ohren schießen zu sehen. Die Ampel sprang auf grün, doch er bewegte keinen Finger. Hinter ihnen hupten mehrere Wagen. Nach etwa fünfzehn Sekunden gab Thilda auf und nickte resigniert.
Aufatmend setzte Wendelin den Blinker und bog nach rechts ab.
„Erst einmal geradeaus“, befahl Thilda harsch.
„Der Kuss“, begann Wendelin dann mit leiser Stimme, „war doch famos… oder? Warum bist du bloß so kühl zu mir, Thilda?“
Thilda rollte mit den Augen und atmete durch. „Famos hin, famos her, dieser… Kokolores hat in meinem Leben momentan einfach keinen Platz. Und außerdem…“
„Und außerdem?“
„Außerdem gehe ich bald an die Akademie und da habe ich keine Zeit für…“ Sie zögerte.
„Einen einfachen Dampfwagenfahrer, willst du wohl sagen“, unterbrach sie Wendelin betrübt.
„Wendelin!“, erwiderte Thilda nun aufgebracht, „Jetzt, wo wir Frauen endlich auch studieren können, dürfen wir uns nicht mehr von eurer Buhlerei ablenken lassen. Das musst du doch verstehen!“
Wendelin schüttelte trotzig den Kopf. „Du bist dir bloß zu schade für mich. Dabei bin ich auch Erfinder, weißt du.“
Thilda runzelte die Stirn. „Jetzt nach links und dann gleich wieder rechts.“
„Wirklich wahr“, sagte Wendelin, während der Wagen abbog. „Schau mal in das Handschuhfach!“
Skeptisch öffnete Thilda das kleine Türchen in der Armatur. Die Ablage quoll über von Straßenkarten, Werkzeugen und allerlei anderem Tand. Wendelin schnalzte. Mit einem Mal schien Bewegung in das Chaos zu kommen. Aus dem Durcheinander grub sich – Thilda musste zweimal hinsehen, um ihren Augen zu trauen – ein kleiner, blecherner Eierbecher mit streichholzdünnen Beinen hervor.
„Ein… Eierbecher?“, stutzte Thilda.
„Ein laufender, warmhaltender Eierbecher!“, antwortete Wendelin stolz.
Der Eierbecher tänzelte nun auf der Ablage. Die Gelenke und Scharniere der Beinchen waren bis in die Zehen sorgfältig ausgearbeitet, das musste Thilda neidlos zugeben, doch laut ausgesprochen hätte sie dies gegenüber Wendelin nicht.
„Und wo ist das Ei?“
Wendelin zögerte. „Das… hat er verloren.“
Thilda schüttelte den Kopf.
„Was für ein hanebüchener Morgen. Ich hätte einfach den Bus nehmen sollen.“
Enttäuscht steckte Wendelin den zappelnden Eierbecher in seine Jackentasche.
„Wo fahren wir überhaupt hin?“
„Wir fahren“, antwortete Thilda feierlich, „zum kaiserlichen Patentamt.“
„Und was machen wir da?“
„Wir machen dort gar nichts“, sagte Thilda. „Ich werde dort mein erstes Patent einreichen. Normalerweise muss man monatelang auf einen Termin warten, aber gestern kam ein Bote und informierte mich, dass ein Patentanwärter plötzlich verstorben sei und ich bereits heute bei Herrn Abakus vorsprechen dürfe. Manchmal hat man eben Glück. Du kennst doch den Weg?“
Wendelin nickte. Thilda blickte nun wieder demonstrativ aus dem Seitenfenster, also fuhren sie den Rest des Wegs in Stille. Als Wendelin den Wagen vor die üppig verzierte Sandsteinfassade des Patentamts lenkte, setzte er zu einem letzten Versuch an.
„Wusstest du eigentlich, dass meine Schwester im Allgemeinen Deutschen Frauenverein aktiv ist? Ich unterstütze doch das Recht auf gleiche Bildung und das… das tut wahrlich nicht jeder Mann, Thilda!“
Dann platzte Thilda der Kragen. „HALT JETZT DEN SCHNABEL, DU SCHWADRONEUR!“
Vor Schreck ob des schrillen Ausrufs sprang der Eierbecher aus Wendelins Jackentasche und landete in seinem Schoß. Ohne nachzudenken trat Wendelin auf die Bremse, woraufhin es einen gewaltigen Ruck gab und Thildas Koffer von ihrem Schoß rutschte. Entsetzt blickte sie hinunter zu ihren Füßen. Der Verschluss des Koffers hatte sich geöffnet und diverse Planrollen sowie ein etwa zehn Mal zehn Zentimeter großes, goldenes Kästchen lagen nun auf dem Boden. Besorgt nahm sie das Kästchen in die Hand und betrachtete und betastete es von allen Seiten.
„Ist… ist es noch ganz? Es tut mir leid, Thilda!“, sagte Wendelin, während er den Wagen mit zittrigen Händen einparkte. Wortlos packte Thilda den Inhalt des Koffers wieder ein, stieg aus dem Wagen und lief schnurstracks, ohne zurückzublicken, auf das mächtige Portal des Kaiserlichen Patentamts zu.
Thilda war überpünktlich, ihr Termin war erst in zwanzig Minuten angesetzt. Sie setzte sich auf den Stuhl, an dem ein Schild mit der Aufschrift ‘10 Uhr dreißig‘ befestigt war. Der ‘10 Uhr zehn‘-Termin, ein kleiner, hutzeliger Mann mit einer leuchtenden Flüstertüte in der Hand – wurde gerade auf dem Fließband in das Büro des weltberühmten Herrn Abakus gefahren. Thilda schaute sich um. Rechts von ihr saßen noch drei weitere Patentanwärter. Alles Männer. Natürlich. Über dem glatt pomadisierten Haarschopf von ‘10 Uhr fünfzehn‘ schwebte ein silberner Miniaturheißluftballon. ‘10 Uhr zwanzig‘ nestelte mit behandschuhten Fingern an den Speichen eines aufblasbaren Einrades und ‘10 Uhr fünfundzwanzig‘, ein Vagabund mit langen Haaren, sprach mit einem ausgebeulten grauen Leinenbeutel, den er auf dem Schoß hielt. Thilda hielt ihren schwarzen Koffer fest umklammert und ging die Darbietung seines Inhalts noch einmal in Gedanken durch.
„Grüntee?“, fragte der Vagabund plötzlich, der eine Thermoskanne aus seinem Leinenbeutel gezogen hatte, doch Thilda verneinte dankend. Der Vagabund zuckte mit den Schultern.
Mit einem Mal ging die schwere Holztür zum Wartesaal auf. Acht Augen richteten sich auf die etwas krumm dastehende Gestalt mit dem viel zu großen Anzug und der ausgebeulten Schirmmütze. Thilda seufzte. Unsicher schlurfte Wendelin auf sie zu. Seine rechte Hand war zu einer Faust geschlossen.
„Das… das habe ich im Wagen gefunden. Das brauchst du bestimmt.“
Er öffnete die Hand, in der eine kleine goldene Schraube lag. Thilda öffnete den schwarzen Koffer und stellte fest, dass die Schraube in der Abdeckung des goldenen Kästchens tatsächlich fehlte.
„Danke“, murmelte sie und suchte nach dem Schraubendreher in einer Seitentasche des Koffers. Derweil bewegte sich der Stuhl von ‘10 Uhr fünfzehn‘ ruckartig ein Stück nach vorne, rastete auf dem Fließband ein und fuhr durch die gepanzerte Tür ins Büro des Herrn Abakus. Der kleine silberne Ballon schwebte hinterher. Sein Vorgänger fuhr derweil auf der anderen Seite wieder hinaus.
„Viel Glück mit… mit… was auch immer das ist“, sagte Wendelin und blickte auf den Boden, während Thilda die Schraube befestigte. „Wobei, Glück brauchst du nicht, denn… denn wenn du es erfunden hast, kann es sowieso nur famos sein.“
Thilda warf ihm einen langen, nachdenklichen Blick zu.
„Danke, Wendelin.“
„Ich… ich warte draußen im Wagen“, sagte Wendelin und drehte sich in Richtung des Ausgangs um. Thilda schaute ihm hinterher.
„Es nennt sich Hantierer!“ Sie biss sich auf die Lippen.
Wendelin drehte sich um, ein zaghaftes Lächeln breitete sich auf seinem Gesicht aus.
„Darf ich es mal sehen?“
„Wenn es unbedingt sein muss“, sagte Thilda und zuckte mit den Schultern, doch Wendelin meinte den Anflug eines Lächelns in ihren grünen Augen erahnen zu können. Thilda legte das flache goldene Kästchen in ihre geöffnete Hand und drückte auf einen unscheinbaren Knopf, woraufhin ein kleiner silberner Aufziehschlüssel aus der Unterseite des Geräts fuhr. Sie drehte den Schlüssel mehrmals, was wiederum dazu führte, dass sich wie von Zauberhand eine Vielzahl an Hebeln und Schaltern leise surrend aus der glänzend-glatten Oberfläche erhoben. Wendelin beobachtete das Geschehen mit großen Augen.
„Und was kann man damit machen?“
„Nun“, sagte Thilda nicht ohne Stolz, „so einiges.“
„Einige der Elemente haben keinen weiteren Sinn, als die Hände zu beschäftigen.“
Sie drückte auf dem Gerät herum, ohne, dass irgendetwas passierte. Sie räusperte sich. Vor Aufregung hatte sie einen trockenen Hals bekommen.
„Grüntee?“, fragte der Vagabund wieder. „Jaja, meinetwegen“, antwortete Thilda abwesend, woraufhin er eine Porzellantasse aus seinem Leinenbeutel zauberte, diese mit Tee füllte und Thilda reichte, die den Inhalt in wenigen Schlucken hinunterstürzte.
„Andere Elemente“, fuhr Thilda ungerührt fort, „dienen dem Informationsaustausch. Auf nahe Distanzen…“
Sie legte einen Schalter um, mit der Folge, dass sich zwei filigrane goldene Hände aus der Oberseite des Geräts schraubten. Nacheinander drückte Thilda drei verschiedenfarbige Knöpfe, sodass die Miniaturhände erst enthusiastisch klatschten, dann mit den Daumen herunter zeigten und zuletzt eine Geste machten, die Wendelin als Scheibenwischer zu erkennen glaubte.
„… und auf weite – vermutlich sogar sehr weite – Distanzen“, fuhr Thilda fort und zog an einem weiteren Hebel. Aus dem Zentrum des Hantierers fuhr nun ein trichterförmiges Sprachrohr. Unterdessen hatte sich der Stuhl von ‘10 Uhr zwanzig’ auf das Fließband bewegt und der Ballon-Mann fuhr mit einem zufriedenen Gesichtsausdruck aus dem Büro des Herrn Abakus zurück in den Wartesaal.
„Diese Apparatur erlaubt den Zugriff auf das Äthernetz. Sie ist die erste ihrer Art“, sagte Thilda nun flüsternd, da sich einige neugierige Mitwartende mittlerweile zu ihnen umgedreht hatten.
„Leider konnte ich die Funktion bisher nicht ausprobieren, da der Apparat bisher der erste und einzige ist... Ein geschlagenes Jahr habe ich gebraucht, um ihn zu entwickeln. Erst vorgestern bin ich mit dem Prototyp fertig geworden. Und nun hat auch noch Elisabeth von Kalben, diese Tratschtante, von dem Ganzen Wind bekommen. Bald weiß das gesamte Lyzeum von meiner Erfindung. Daher die Eile. Die Zeit zeigt das Gerät übrigens auch“, fügte sie hinzu und öffnete eine kleine Klappe auf der Rückseite des Hantierers, um Wendelin das filigrane Uhrwerk zu präsentieren.
Wendelin konnte seine Begeisterung nicht mehr verbergen.
„Zugriff auf das Äthernetz? Das ist ja… bahnbrechend, Thilda!“
„Ja, man könnte fast sagen… famos“, sagte Thilda kess und verzog dann das Gesicht.
„Verflixt.“
Wendelin schaute sie fragend an.
„Verflixter Grüntee.“
Thilda schaute auf die Uhr des Hantierers. Zehn Uhr zweiundzwanzig.
„Ich bin sofort wieder da, warte hier!“
Sie sprang auf, drückte Wendelin den schwarzen Koffer samt Hantierer in den Arm und eilte in Richtung der sanitären Anlagen. Wendelin richtete sich auf dem Stuhl ein, auf dem bis eben noch Thilda gesessen hatte und lächelte selig. Die Minuten verstrichen und schon wurde es Zeit für den teetrinkenden Vagabunden, alias ‘10 Uhr fünfundzwanzig‘, seinen Weg ins Büro des Herrn Abakus anzutreten. Sein Stuhl ruckte nach vorne und rastete auf dem Fließband ein. Doch dann hielt der Langhaarige sein Ohr an den grauen Leinenbeutel und schien angestrengt zu lauschen. Kurz vor der Panzertür sagte er verwundert, „Ach so?“, sprang vom Fließband und verließ laut lachend den Wartesaal. Sein Vorgänger, der zur gleichen Zeit, mit seinem aufblasbaren Einrad im Arm, aus Herrn Abakus‘ Büro fuhr, schaute ihm irritiert hinterher.
Eine laute blecherne Stimme schallte nun aus der Decke: „Nächster Kunde wird um vier komma acht Minuten VORgezogen. Ich wiederhole: Nächster Kunde wird um vier komma acht Minuten VORgezogen.“
Panisch blickte sich Wendelin um, Thilda war nirgends zu erblicken. Und dann setzte sich auch noch der Stuhl unter ihm in Bewegung. „Nein, nein, nein, MOMENT!“, protestierte er, doch schon befand sich Wendelin samt Stuhl und Koffer auf dem Fließband und fuhr schnurstracks auf die schwere, geöffnete Panzertür zu.
Ehe er es sich versah saß er der berühmtesten Rechenmaschine des gesamten Reiches gegenüber – einer monströsen Front aus dampfenden und zischenden Kolben, Walzen und Zylindern sowie hunderten Ziffernblättern und Zahnrädern jeglicher Größe und Façon, die sich unermüdlich drehten und knirschend ineinander griffen. Hinter ihm schloss sich die Tür. Eine riesige Uhr zählte an der Wand die Minuten und Sekunden herunter.
„Stülpnagel, T Punkt“, leierte dieselbe blecherne Stimme wie im Wartesaal aus einem Megaphon, das an der wandhohen Maschine befestigt war.
„N-n-nein“, stotterte Wendelin. „Kupferb…“
„Material, Doppelpunkt, Kupfer“, sagte Abakus. „Erfindung introduzieren.“
Eine Klappe öffnete sich in der Front der gewaltigen Maschine.
„Sie verstehen nicht, Herr Abakus!“ Wendelin klammerte den schwarzen Koffer an sich. „Die Erfindung – der Hantierer – er gehört meiner…“
„Erfindung, Doppelpunkt, Hantierer“, unterbrach ihn die monotone Stimme, „Erfindung introduzieren.“
Wendelin standen die Schweißperlen auf der Stirn. Er starrte auf den Koffer und überlegte panisch, ob er das Gerät für Thilda patentieren lassen könnte. Aber wer weiß, was geschehen würde, wenn herauskäme, dass er gar nicht „Stülpnagel, T Punkt“ und dies nicht seine Erfindung sei?
„Erfindung introduzieren.“
Mit wackeligen Beinen stand Wendelin auf und taumelte einen Schritt nach vorne, doch im gleichen Moment regte sich etwas in seiner Jackentasche. Der kleine blecherne Eierbecher sprang mit einem weiten Satz aus der Tasche und hüpfte in die Öffnung, die sich soeben in Abakus‘ Front aufgetan hatte.
„Erfindung introduziert. Korrektur – Material, Doppelpunkt, Blech.“
Die Klappe schloss sich. Unter Wendelins entsetzten Blicken zischte, rumpelte und knirschte es in Abakus‘ Innerem etwa eine Minute lang, dann öffnete sich die Klappe und der Eierbecher sprang sichtlich unbeeindruckt wieder heraus. Aus einem dünnen Schlitz schoss ein Blatt Papier hervor, das Wendelin direkt vor die Füße fiel. Er hob es auf und ließ sich zurück in den Stuhl fallen. Auf dem Zettel stand in großen Lettern: „Erfindung – DER HANTIERER – patentiert von Stülpnagel, T. durch Hrn. Abakus i.P. Kaiserliches Patentamt“. Darunter prangten eine detaillierte technische Zeichnung des Eierbechers sowie das gegenwärtige Datum. Dann erscholl ein lauter Gong. Der Stuhl setzte sich wieder in Bewegung und fuhr eine kleine Biege. Die Panzertür öffnete sich und das Fließband trug Wendelin zurück in den Wartesaal. Der Eierbecher war derweil auf seinen Schoß gesprungen und versuchte wieder in Wendelins Jackentasche zu klettern, was sich mühsam gestaltete, so ganz ohne Arme.
Draußen erwartete ihn, leichenblass und mit weit aufgerissenen Augen, Thilda. Ruppig packte sie Wendelin am Ärmel seines Jacketts und zog ihn vom Fließband.
„Was ist denn passiert? Warum hast du ihn nicht aufgehalten?“
„Ich konnte nicht“, keuchte Wendelin. „Es ging alles so schnell!“
Sie riss ihm das Blatt Papier aus der Hand.
„Was ist das? Das…“ Sie rang nach Luft, während sie hektisch die Zeichnung auf dem Dokument studierte. „Das ist nicht der Hantierer! Du hast… du hast deinen stupiden EIERBECHER unter MEINEM Namen patentieren lassen?“
„Ich konnte nichts dafür, er ist einfach…“
Doch Thilda schnitt ihm das Wort ab. „Ich konnte nichts dafür“, äffte sie ihn nach.
„Natürlich nicht! Ihr sabotiert uns ja bekanntermaßen seit Jahrhunderten auch nur aus Versehen!“
„Wir?“, stammelte Wendelin. „Das ist doch überhaupt nicht, worum es…“
Thilda stampfte dramatisch auf den Boden und entriss ihm den Koffer.
„Adieu, Wendelin Kupferbach, und auf nimmer Wiedersehen.“
Dann stürmte sie aus dem Saal.
Einige Minuten lang fühlte sich Wendelin wie als würden seine Füße am kalten Steinboden des Saals festkleben. Als er es endlich geschafft hatte, seine Lähmung zu überwinden und das Gebäude zu verlassen, war von Thilda weit und breit nichts mehr zu sehen. Wie ferngesteuert startete er den Wagen, was noch einmal quälend lange zwanzig Minuten dauerte, und fuhr sämtliche Straßen, die zwischen dem kaiserlichen Patentamt, dem Lyzeum und Familie von Stülpnagels Wohnhaus lagen rauf und runter. Stunde um Stunde verging, doch von Thilda war keine Spur zu finden. Je weiter sich die Zeiger von Wendelins Armbanduhr bewegten, umso mehr wuchs auch seine Verzweiflung. Am frühen Abend klingelte er völlig erschöpft an der Tür von Familie von Stülpnagel. Thildas Mutter öffnete und schaute verdutzt auf die einsame, vor ihrer Tür kauernde Gestalt.
„Nanu, Wendelin. Wo hast du denn meine vorlaute Tochter gelassen?“
Wendelin schlug die Hände vor dem Gesicht zusammen.
„Ich glaube“, schluchzte er, „ich glaube, sie ist… weggelaufen!“
„Na, na“, sagte Alwine von Stülpnagel und klopfte Wendelin unbeholfen auf die Schulter.
„Das wäre nicht das erste Mal, mein Lieber.“
Sanft aber bestimmt zog sie ihn in die Wohnung und verlangte, dass er ihr die gesamte Geschichte bei einer Tasse Tee, en détail, von vorne bis hinten erzähle.
„Ich wusste doch, dass dieser übertriebene Aufzug nicht für die Schule gedacht war“, seufzte sie danach. „Dieses Kind bringt mich noch in ein frühes Grab.“
„Es tut mir so leid, Frau von Stülpnagel“, flüsterte Wendelin.
Energisch schüttelte sie ihren fein frisierten Kopf. „Gegen meinen Brausekopf von Tochter ist schwer anzukommen, Wendelin. Das mussten uns ihr Vater und ich schon vor langer Zeit eingestehen.“
„Und was machen wir jetzt?“, fragte Wendelin.
„Wir warten“, antwortete Alwine von Stülpnagel resigniert. Dann fuhr sie leise fort: „Beim letzten Zank um irgendeine Banalität, kam Thilda erst nach einer Woche wieder… Bis heute weiß ich nicht, wo sie die Zeit über war. Diese Unwissenheit raubt mir noch heute den Schlaf.“ Ihre sonst so glatte und fast noch jugendliche wirkende Stirn war nun tief zerklüftet von Sorgenfalten. „Ich danke dem Universum jeden Tag für mein gescheites Kind, doch die Dinge sind vertrackt geworden. Erst recht seit… seitdem Herr von Stülpnagel nicht mehr da ist.“
Eine Träne rollte über ihre Wange. Einige Sekunden lang herrschte bleierne Stille im Salon, die nur von Thomas‘ leisem Winseln unterbrochen wurde. Dann sprang Wendelin auf und ballte die Fäuste.
„Ich fahre noch eine Runde, Frau von Stülpnagel! Nur noch eine.“
Alwine von Stülpnagel öffnete den Mund, als wolle sie etwas erwidern, nickte aber nur müde.
Wendelin verbeugte sich flüchtig und stürmte aus der herrschaftlichen Wohnung auf die Straße. Als er die Wagentür entsperrte entsann er sich, dass der Ölstand bereits kritisch niedrig geworden war. „Verflixt und vermaledeit“, fluchte Wendelin während er den Kofferraum des Wagens bei der Suche nach dem Ölkännchen auf den Kopf stellte. Dann begann auch noch der kleine Störenfried in seiner Jackentasche an zu zappeln und zu strampeln. „Gib doch endlich Ruhe, du Haderlump, du hast heute schon weiß Gott genug angerichtet!“, bellte Wendelin den Eierbecher an. Dieser schien nun jedoch erst recht in Aufruhr zu geraten und befreite sich erneut aus seinem Gefängnis. In Sekundenbruchteilen flitzte er in den Innenraum des Wagens und verschwand unter dem Beifahrersitz.
„DU – WIRST – EINGESCHMOLZEN!“, brüllte Wendelin und griff in den dunklen Raum unter dem Beifahrersitz. Flugs schien er fündig zu werden, doch zog er dann, anstelle des geflohenen Eierbechers, eine sorgfältig verschnürte Planrolle unter dem Sitz hervor. Verwundert blickte Wendelin auf das unerwartete Fundstück in seiner Hand. Auf dem Gehweg stehend löste er die Verschnürung und entrollte das Dokument, welches so lang war, dass es fast den Boden berührte. Das Papier stellte einen detaillierten Bauplan dar, den unzählige Notizen, Berechnungen sowie Zeichnungen eines Kästchens mit einem komplizierten Innenleben zierten.
„Der Hantierer“, flüsterte Wendelin ehrfürchtig. Die Rolle musste nach der Vollbremsung vor dem Kaiserlichen Patentamt unter den Sitz gerutscht sein. In seinen erschöpften Gehirngängen ratterte es. Was hatte Thilda noch gesagt? „… dient dem Informationsaustausch… auf weite – vermutlich sogar sehr weite – Distanzen“, sprach ihre geisterhafte Stimme, wie aus einer fernen Erinnerung, die sich unmöglich erst vor wenigen Stunden geformt haben konnte. Mit einem Mal zuckte Wendelin zusammen. Eine Hand lag auf seiner Schulter.
„Das hat Thilda gezeichnet?“
Alwine von Stülpnagel stand direkt neben ihm und blickte nachdenklich auf den Plan.
„Ja“, sagte Wendelin aufgebracht, „und wenn ich es bloß schaffen würde, zumindest ein einziges Teil nachzubauen, dann…“
„Dann könntest du sie über den Äther erreichen“, sagte Thildas Mutter, die nun unbestimmt in die Ferne schaute. Sie lächelte schwach.
„Mein lieber Curt hatte diese Idee schon vor langer Zeit entwickelt, doch dann wurde er krank.“
„Ich…“, fuhr sie leise fort, als würde sie allein zu sich selbst sprechen, „ich kann es kaum fassen, dass Thilda seine Vision ganz alleine umgesetzt hat.“
Wendelin scharrte unruhig mit den Füßen.
„Mein Vater lässt mich unsere Werkstatt nicht mehr betreten, seitdem… seitdem Bertie dort vor kurzem alles verwüstet hat.“
„Bertie?“, fragte Frau von Stülpnagel.
Wendelin lief rot an. Zwischen seinen Füßen hüpfte der kleine Eierbecher, der seinen Ausflug offensichtlich beendet hatte und zurück in Wendelins warme Jackentasche wollte.
„Ah“, sagte sie und blickte gedankenvoll auf die fein ausgearbeitete Mechanik der blechernen Kreatur. Dann packte sie Wendelin am Ärmel, ähnlich wie Thilda es im Kaiserlichen Patentamt getan hatte, nur deutlich weniger grob, führte ihn zurück in die Wohnung und geleitete ihn in Thildas Zimmer im ersten Stock. Zögernd betrat Wendelin den Raum, der eine wilde Mischung aus pastellfarbener Mädchenstube, alexandrinischer Bibliothek sowie einer alles dominierenden, modern ausgestatteten Werkstätte darstellte. Noch nie in seinen zwei Jahren Dienstzeit bei Familie von Stülpnagel hatte Wendelin diesen Raum betreten und er fragte sich, was Thilda wohl dazu sagen würde, wenn sie wüsste, dass ausgerechnet er, Wendelin Kupferbach, gerade inmitten ihres heiligen Refugiums stünde. Bevor sie die Tür resolut hinter sich schloss, sagte Thildas Mutter: „Nimm dir alles, was du brauchst. Ich sende einen Boten zu deinem Vater, damit er sich nicht um deinen Verbleib sorgt.“
Wendelin fehlten die Worte, also nickte er nur stumm. Dann machte er sich an die Arbeit.
Drei Tage und drei Nächte, in denen Thilda nicht nach Hause zurückkehrte, werkelte Wendelin unter Anleitung des von ihr sorgfältig ausgearbeiteten Bauplans. Dabei brannte er sich eine Augenbraue ab, schnitt sich in den Daumen, fluchte, trank mehrere Kannen Tee pro Tag, lötete, schweißte, sägte, hämmerte und friemelte bis zur kompletten Erschöpfung. Alwine von Stülpnagel verband Wendelins Verletzungen und zwang ihn, sich zumindest wenige Stunden am Tag im Gästezimmer der Familie auszuruhen. Nach mehr als zweiundsiebzig Stunden hielt Wendelin, rotäugig und hohlwangig, eine Version des Hantierers in der Hand, die man im besten Fall als rudimentär bezeichnen konnte.
„Ob das funktioniert, Thomas“, murmelte er mehr zu sich selbst als zu Thildas treuem Gefährten, der winselnd und seine Herrin vermissend unter der Werkbank lag. Mit zitternden Händen legte Wendelin das goldene Kästchen in seine offene Hand und betätigte den Hebel, der zur Aktivierung des Sprachrohrs führte. Die winzige trichterförmige Apparatur schraubte sich mit einem leisen Schnarren aus dem Kästchen. Wendelin, dessen Herz ihm jetzt bis zum Halse schlug, glaubte ein leises Rauschen aus der Öffnung zu hören. Er räusperte sich und sprach in den Trichter.
„Ha...hallo?“
Keine Antwort.
„Thilda?“
Lediglich das Klackern von Berties dünnen Beinchen auf dem Parkett war nun zu hören.
„Kommen bitte?“
Nichts.
Wendelin schlug die Hände vor dem Kopf zusammen. Natürlich würde es nicht klappen. Was für eine Schnapsidee. Zu glauben, dass er in der Lage wäre, eine so komplizierte Apparatur wie den Hantierer nachzubauen und auch noch die richtige Frequenz im Äther zu finden, um Thilda zu erreichen, die wahrscheinlich schon über alle Berge war und sowieso nie wieder mit ihm reden wollte.
Mit einem Mal sprang Thomas unter der Werkbank mit einem lauten Klonk auf die Beine. Ein hohes Fiepen ertönte es aus dem Sprachrohr.
„Hallo?“, krächzte es plötzlich. „Wer ist da?“
Vor Schreck fiel Wendelin fast der Hantierer aus der Hand.
„THILDA“, brüllte er dann das Gerät an. „HIER IST WENDELIN! KUPFERBACH!“
Fassungslose Stille, unterstrichen von dem haarsträubenden Fiepen, entsprang der Apparatur.
„Wendelin? Aber… wie ist das möglich?“
Ihm wurde blümerant zumute. Die Stimme klang blechern und kratzig, war aber eindeutig Thildas.
„Thilda, ich habe den B…“
„Du hast den Bauplan gefunden!“, fiel ihm Thilda ins Wort.
„Ja“, sagte Wendelin, „und nun komm bitte nach Hause! Das war doch alles nur ein gewaltiges Missverständnis! Mit Bertie und Herrn Abakus und…“
„Bertie?“
„Meiner Erfindung“, murmelte Wendelin verlegen.
„Ach, der Eierbecher“, sagte Thilda und Wendelin hatte das Gefühl ihr Augenrollen hören zu können.
„Thilda, ich… ich habe es alles so gemeint“, stotterte Wendelin, „du wirst die Welt mit dieser Erfindung verändern und… ich glaube an dich und würde dich niemals zurückhalten wollen! Niemals!“
„Sag das nochmal“, knarzte es aus dem Hantierer.
„Du wirst die Welt…“
„Nur Spaß! Ich kann kaum glauben, dass es wirklich funktioniert!“
„Ich auch nicht“, sagte Wendelin. „Wo bist du nur, Thilda?“
Der metallene Terrier begann nun aufgeregt und laut zu bellen.
„Ist das Thomas?“, fragte Thilda.
„Ja“, sagte Wendelin verlegen, „deine Mutter hat mich deine Werkstatt benutzen lassen… Sie… sie hat wirklich viel Kummer, Thilda. Also wo…“
„Sie hat dich in MEIN Zimmer gelassen?“, dröhnte es aus dem Sprachrohr.
„Nur weil… weil“, stammelte Wendelin.
„Weil meine Privatsphäre natürlich wieder nichts wert ist“, unterbrach ihn Thilda.
Dieses Mal platzte Wendelin der Kragen.
„THILDA VON STÜLPNAGEL, nun komm endlich runter von deinem hohen Ross! Ich habe seit DREI TAGEN nicht mehr geschlafen, Thomas knabbert vor Gram an seinen Schrauben – sein Hinterlauf ist auch schon wieder locker – und deine Mutter vergräbt sich in ihren Büchern und redet mit der Urne deines verstorbenen Vaters!“
Einige Sekunden verstrichen.
„Ich verstehe“, sagte Thilda dann, es knackte einmal und das hohe Fiepen verschwand.
„Hallo? Hallo, Thilda? Bitte kommen!“, keuchte Wendelin und drückte panisch auf verschiedene Knöpfe des Geräts, doch die Verbindung schien abgebrochen zu sein. Vor Enttäuschung und Erschöpfung sank er auf den Boden. Thomas stupste ihn an, doch in dem Moment als Thilda ihn erneut abgewiesen hatte, schienen Wendelin alle verbleibenden Lebenskräfte verlassen zu haben. Stunde um Stunde lag er auf dem harten Parkett der Stube und beobachtete, wie die Sonne unterging und das Zimmer in Dunkelheit tauchte. Zwischendurch betrat Alwine von Stülpnagel das Zimmer, doch konnte sie ihn nicht dazu bringen, aufzustehen, geschweige denn etwas zu sich zu nehmen. In seinem Dämmerzustand fantasierte Wendelin von Thilda. Selbst in seinen Träumen schien ihn ihre forsche Stimme zu verfolgen. „Kompliziertes Frauenzimmer…“, ächzte er benommen, während er sich von der einen auf die andere Seite drehte.
„BITTE WAS?“, erscholl es plötzlich aus dem Hantierer, der neben Wendelin lag.
„Thilda?“, murmelte Wendelin, der sich nur langsam aus seinem Halbschlaf befreien konnte.
„Ja, du Cretin! Und nun schau aus dem Fenster. Aber nicht zu genau. Drei Tage im Untergrund waren meinem Äußeren mit Sicherheit nicht gerade zuträglich.“
Mit wackeligen Beinen erhob sich Wendelin und tat wie ihm befohlen. Unten stand Thilda im gelben Schein einer Straßenlaterne, immer noch in demselben dunkelgrünen, hochgeschlossenen Kleid, die roten Haare leicht zerzaust, mit entschlossenem Gesichtsausdruck und dem Hantierer in der Hand. Wendelin öffnete das Fenster. Keiner der beiden sagte ein Wort.
„Wir brauchen einen neuen Namen!“, rief sie dann zu ihm hinauf.
„Was? Einen neuen… für was“, stammelte Wendelin und rieb sich seine roten Augen.
Thilda lächelte angriffslustig.
„Wir brauchen einen neuen Namen für mein Gerät! ‚Der Hantierer‘ ist ja nun schon vergeben für deine… Quatscherfindung auf zwei Beinen.“
Wendelin kratzte sich am Kopf. „Wie wäre es mit… dem ‚Stülpnagel-Apparatus‘?“
Nach kurzem Überlegen zuckte Thilda gespielt gleichgültig mit den Schultern und drückte dann auf einen Schalter ihres Geräts. Aus dessen Oberseite schraubten sich nun die zwei filigranen goldenen Hände. Thilda drückte auf einen weiteren Knopf, sodass sich die Hände in Bewegung setzten.
„Ich kann nichts sehen“, sagte Wendelin, die Augen zusammen kneifend.
„Jetzt?“, fragte Thilda und hielt das Gerät unter das Licht der Laterne.
„Ja… Ja! Jetzt sehe ich es!“, rief Wendelin. Er wand sich vom Fenster ab, verließ das Zimmer und rannte die Treppe zur Straße hinunter.
Nur wenige Sekunden später stand er Thilda gegenüber. Diese legte gerade den Stülpnagel-Apparatus behutsam auf den schwarzen Koffer neben sich. Wendelin atmete tief durch, während Bertie neugierig aus seiner Jackentasche lugte.
„Der ist eigentlich ganz in Ordnung“, sagte Thilda mit einem amüsierten Blick auf den Eierbecher.
„Du eigentlich auch“, erwiderte Wendelin und nahm ihre Hand.
„Sehr ulkig“, sagte Thilda und zog ihn an sich.
Hastig sprang Bertie aus Wendelins Tasche, um in der engen Umarmung der beiden nicht zerdrückt zu werden. Ein leises Surren erklang aus dem Stülpnagel-Apparatus, dessen, im Licht der Laterne glänzenden Hände noch immer ein filigranes Herz aus Daumen und Zeigefingern formten.
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