Montag, 29. April 2019

Die Zugfahrt

Aufgabe 3 - von Bettina:
"Eine Geschichte namens 'Die Zugfahrt', bei dem die ersten Wörter jeweils dem ABC folgen. Der erste Satz beginnt mit A, der zweite Satz mit B, der dritte mit C usw."

„Alles einsteigen, BITTÄ!“, schnarrte es aus dem Lautsprecher am Gleis. Bedächtig schob Xaver Brandlhuber die Zugtüren auf und betrat den letzten Waggon der schwarzen Lokomotive. Chaplinesk stolperte er durch die Gänge, während sich das eiserne Dampfross schnaufend in Bewegung versetzte. Da hinten, am Gang war noch ein einzelner Platz frei, stellte Xaver mit Erleichterung fest.

Er setzte sich neben eine etwa sechzigjährige adrette Dame, die einen Groschenroman las. Ferner hatte sie ein etwa fünf Mark großes, blutiges Loch in der Brust. Grausig, dachte Xaver erschaudernd, und versuchte die in ihr Büchlein vertiefte Dame nicht allzu auffällig anzugaffen.

Herüber zu ihm, von der anderen Seite des Ganges, beugte sich ein kleines, kränkliches Mädchen und schnitt Grimassen. Ihr Körper war von roten Flecken übersät. Jessas, murmelte Xaver, der den Ausschlag den Masern zuschrieb und instinktiv zurückwich. Kopfschüttelnd mischte sich der Nebenmann des Mädchens ein, welcher eine massive Ritterrüstung trug. „Lass doch den Herren in Ruhe, Yvonne, wir sind ja bald da.“ Mit einem feuchten Knacken fiel sein behelmtes Haupt zur Seite und entblößte eine Mischung aus Knochen und Fleisch. Nur wenige Sehnen hielten der Schwerkraft noch stand. „Ohje“, brummte der Ritter und rückte seinen Kopf wieder zurecht.

Peinlich berührt kratzte Xaver sich am Kopf, schaute auf den Boden und versuchte sich zu erinnern, wie er eigentlich in diesen Zug der skurrilen Gestalten geraten war. Quälend unscharfe Bilder jagten durch seinen Kopf und verschwanden sogleich wieder. Renate, seine Frau, hatte ihm eine Schwarzwälder-Kirschtorte zum Kaffee serviert und danach erinnerte er sich im Grunde an nichts mehr.

„Sagen Sie“, richtete sich Xaver zögernd an den Ritter, „wo fahren wir denn eigentlich hin?“ Tausende Lachfältchen schienen sich auf einmal hinter den dunklen Augenschlitzen des Eisenhelms zu bilden. „Unbekannt“, sagte der Ritter nur und lachte dröhnend. Viele weitere Fahrgäste – manche mehr oder weniger versehrt, einige auch gar nicht – fielen in sein ansteckendes Lachen ein. „Wir brausen unaufhaltsam zum Endbahnhof, soviel ist klar“, sagte der Ritter nun nachdenklich, „und dann ist vermutlich Schluss.“

Xaver schluckte und erinnerte sich an den merkwürdigen Beigeschmack der Schwarzwälder Kirschtorte. Yvonnes rot gepunkteter Arm strich nun tröstend über den seinen. „Zuletzt zählt doch eigentlich nur“, flüsterte sie, „dass man wenigstens nette Gesellschaft hatte.“

© Alexandra Hinz 

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