"Eine Geschichte namens 'Die Zugfahrt', bei dem die ersten Wörter jeweils dem ABC folgen. Der erste Satz beginnt mit A, der zweite Satz mit B, der dritte mit C usw."
„Alles
einsteigen, BITTÄ!“, schnarrte es aus dem Lautsprecher am Gleis. Bedächtig
schob Xaver Brandlhuber die Zugtüren auf und betrat den letzten Waggon der
schwarzen Lokomotive. Chaplinesk stolperte er durch die Gänge, während sich das
eiserne Dampfross schnaufend in Bewegung versetzte. Da hinten, am Gang war noch
ein einzelner Platz frei, stellte Xaver mit Erleichterung fest.
Er
setzte sich neben eine etwa sechzigjährige adrette Dame, die einen
Groschenroman las. Ferner hatte sie ein etwa fünf Mark großes, blutiges Loch in
der Brust. Grausig, dachte Xaver erschaudernd, und versuchte die in ihr
Büchlein vertiefte Dame nicht allzu auffällig anzugaffen.
Herüber
zu ihm, von der anderen Seite des Ganges, beugte sich ein kleines, kränkliches
Mädchen und schnitt Grimassen. Ihr Körper war von roten Flecken übersät.
Jessas, murmelte Xaver, der den Ausschlag den Masern zuschrieb und instinktiv
zurückwich. Kopfschüttelnd mischte sich der Nebenmann des Mädchens ein, welcher
eine massive Ritterrüstung trug. „Lass doch den Herren in Ruhe, Yvonne, wir
sind ja bald da.“ Mit einem feuchten Knacken fiel sein behelmtes Haupt zur
Seite und entblößte eine Mischung aus Knochen und Fleisch. Nur wenige Sehnen
hielten der Schwerkraft noch stand. „Ohje“, brummte der Ritter und rückte
seinen Kopf wieder zurecht.
Peinlich
berührt kratzte Xaver sich am Kopf, schaute auf den Boden und versuchte sich zu
erinnern, wie er eigentlich in diesen Zug der skurrilen Gestalten geraten war.
Quälend unscharfe Bilder jagten durch seinen Kopf und verschwanden sogleich
wieder. Renate, seine Frau, hatte ihm eine Schwarzwälder-Kirschtorte zum Kaffee
serviert und danach erinnerte er sich im Grunde an nichts mehr.
„Sagen
Sie“, richtete sich Xaver zögernd an den Ritter, „wo fahren wir denn eigentlich
hin?“ Tausende Lachfältchen schienen sich auf einmal hinter den dunklen
Augenschlitzen des Eisenhelms zu bilden. „Unbekannt“, sagte der Ritter nur und
lachte dröhnend. Viele weitere Fahrgäste – manche mehr oder weniger versehrt,
einige auch gar nicht – fielen in sein ansteckendes Lachen ein. „Wir brausen
unaufhaltsam zum Endbahnhof, soviel ist klar“, sagte der Ritter nun nachdenklich,
„und dann ist vermutlich Schluss.“
Xaver
schluckte und erinnerte sich an den merkwürdigen Beigeschmack der Schwarzwälder
Kirschtorte. Yvonnes rot gepunkteter Arm strich nun tröstend über den seinen.
„Zuletzt zählt doch eigentlich nur“, flüsterte sie, „dass man wenigstens nette
Gesellschaft hatte.“
© Alexandra Hinz
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