Aufgabe 2 - von Katharina:
"Eine Geschichte mit dem Titel 'Der Zweitschlüssel', die erkennbar in den 90ern spielt"
„Wir kannten uns seit Jahren, sind zusammen abgefahren
Uns gehörte die Welt, und dafür brauchten wir kein Geld“
Stöhnend rieb Silke sich den Schlaf aus den Augen. Die HiFi-Anlage lief auf Anschlag. Es war sieben Uhr fünfunfvierzig am Samstagmorgen. Keiner, wirklich keiner ihrer Freunde musste am Wochenende arbeiten. Silke schon. Jeden. Verdammten. Samstag.
„Keine Party ohne uns, immer mitten rein
Da zu sein, wo das Leben tobt, ohne jedes Verbot“
Studier doch einfach irgendwas, hatte Meike mal gesagt. Meike studierte Literaturwissenschaften und schlief jeden Tag aus. Dafür verdiente Silke mit zwanzig Jahren immerhin schon ihr eigenes Geld und lag ihren Eltern nicht mehr auf der Tasche, so wie der Rest der Clique.
„Ich ahnte die Gefahr, sie war da, sie war nah
Sie war kaum zu überseh'n, doch ich wollte nicht versteh'n
Der Wind hat sich gedreht, es ist zu spät“
Silke musste sich beeilen. Das Reisebüro „Ihr Urlaubstraum“ machte immer pünktlich um neun Uhr auf und Frau Kowaczewski verstand keinen Spaß wenn es zu Verspätungen oder sonstigen Unzuverlässigkeiten kam.
„Und WARUM?
Nur für den Kick - für den Augenblick?“
Sie eilte ins Bad. Selbst beim Rauschen der Dusche waren Ricky, Lee und Jazzy, die aus dem Schlafzimmer plärrten, immer noch gut zu verstehen.
„Und WARUM?
Nur für ein Stück - von dem falschen Glück?“
Voll heavy, dachte Silke während sie ihre wasserstoffblonden Haare in einen Turban wickelte. Sie erinnerte sich an die BRAVO-Background-Story, in der es hieß, eine Freundin der Band sei an einer Überdosis gestorben.
„Und WARUM?
Du kommst nie mehr zurück - komm zurück!“
Echt heavy. Wo war nochmal das blöde Kreppeisen? Hektisch wühlte Silke in den vollgekramten Schubladen ihres kleinen vollgekramten Badezimmers. Heute musste alles, aber auch wirklich alles stimmen. Andi würde sie nämlich von der Arbeit abholen und dann würden sie das Serienfinale vom Prinz von Bel-Air zusammen in ihrer Wohnung schauen. Andi studierte Anglistik an der Humboldt-Uni und wohnte noch bei seinen Eltern im Einfamilienhaus in Rudow. Kennengelernt hatten sie sich kürzlich bei einer WG-Party, wo sie über ihre gemeinsame Lieblingsband Oasis ins Gespräch gekommen waren. „Noel ist für mich das wahre Genie der Band“, hatte Andi gesagt und Silke hatte eifrig nickend zugestimmt.
Da war das Kreppeisen! Fachmännisch frisierte Silke ihre Haare in eine voluminöse Löwenmähne, wechselte vom Bademantel in Jeansrock und ein gelbes Oberteil, legte noch etwas hellblauen Lidschatten auf, dazu der fetzige dunkle Lipliner und voilà – das wird Andi umhauen, dachte Silke, während sie sich zufrieden im Spiegel von allen Seiten betrachtete.
Sie blickte auf die Uhr. Nun wurde es aber wirklich allerhöchste Zeit. Sie warf sich ihre Lieblings-Jeansjacke über und schlüpfte in ihre neuen Buffalos, um sich auf den Weg zur Arbeit zur machen. Die Tram und die Straßen waren leer, auf den Gehwegen schlenderten nur wenige Leute mit ihren Wocheneinkäufen in Plus- und Minimal-Tüten. Aus dem Discman säuselten Boyz II Men in Silkes Ohr. Sie mochte die relaxte Atmosphäre eines Samstagmorgens.
Um acht Uhr fünfzig erreichte Silke das Reisebüro „Ihr Urlaubstraum“. Frau Kowaczewski war bereits da. Natürlich.
„Na gerade so“, warf die kantige Mittfünfzigerin Silke ohne ein Wort der Begrüßung entgegen.
„Sind doch noch zehn Minuten“, murmelte Silke, doch Frau Kowaczewski hatte ihre eigene Logik.
„Die ersten Kunden kommen manchmal schon bis zu zwanzig Minuten vor Ladenöffnung. Das sollten Sie aber mittlerweile wissen, Fräulein Kleinschmidt! Wir sind ein Dienstleistungsunternehmen!“
„Mhm“, konterte Silke.
„Nix mhm“, bellte Frau Kowaczewski. „Und außerdem haben Sie den Müll gestern nicht weggebracht! Wie schon gesagt, die Balaton-Kataloge sind alle nicht mehr aktuell, die können in die Tonne!“
„Ja… ich kümmer mich ja schon drum“, antwortete Silke seufzend und machte sich daran, die bunten Kataloge in eine schwarze Mülltüte zu stopfen.
Ein Land voller Schätze: Traum und Poesie am Plattensee – lassen Sie die Seele baumeln am größten Binnensee Mitteleuropas!
Die Müllcontainer befanden sich außerhalb des Reisebüros in einem verschließbaren Raum, den verschiedene Geschäfte der Ladenpassage nutzten. „Blöde Ätz-Kuh“, brummte Silke, schloss das dunkle Kabuff auf und schleuderte die Mülltüte in die Papiertonne.
Gerade als sie den Raum wieder abschließen wollte, erschall ein ohrenbetäubendes Quieken. Silke blickte nach unten. Erschaudernd stellte sie fest, dass sie auf den Schwanz einer monströsen grauen Ratte getreten war. Sie taumelte vorwärts, die Ratte sauste davon, doch die fünf Zentimeter hohen Plateaus ihrer Buffalos erschwerten es Silke, ihre Balance wiederzufinden. Sie stolperte, dabei entglitt der Schlüsselbund ihrer Hand und fiel in einen Gully. Gerade so gelang es Silke noch, ihren eigenen Sturz abzuwenden.
„Oh nein“, keuchte Silke und schlug die Hände vor dem Mund zusammen. An dem Bund hingen nicht nur die Schlüssel für den Laden und den Müllraum, sondern auch ihre Hausschlüssel. Fassungslos blickte sie in die pechschwarzen Untiefen des Gitters, die sich dutzende Meter tief unter ihren Füßen auszubreiten schienen. Kurz überlegte Silke, ob es wohl irgendeine Möglichkeit gäbe, die Schlüssel wieder herauszufischen, doch schnell musste sie sich der Realität geschlagen geben und einsehen, dass der Schlüsselbund wohl für immer verloren war. Wie würde Frau Kowaczewski reagieren? Und noch viel schlimmer – was würde Andi sagen, wenn sie heute Abend nicht in ihre Wohnung gehen könnten, weil sie keinen Schlüssel zu ihrer Wohnung mehr hatte? Das Prinz von Bel-Air-Finale würde pünktlich um neunzehn Uhr dreißig auf RTL Plus laufen und sie hatte den Videorekorder nicht programmiert. Warum auch?
„Ok Silke, ganz ruhig“, murmelte sie und legte ihre gefalteten Hände an die Lippen. Den Schlüsseldienst zu rufen war eindeutig zu teuer. Auf Silkes Konto herrschte gähnende Leere, nachdem sie in der letzten Woche „World of Music“ am Alex halb leer gekauft hatte. Das nötige Geld zu leihen war auch schwierig, denn Silkes Freunde waren selbst immer knapp und ihre Eltern wohnten in Frankfurt Oder. Was also tun?
Mit einem Mal fiel es Silke wie Schuppen von den Augen! Meike! Der Zweitschlüssel!
Als Silke mit Tobi letzten Sommer an der Ostsee campen war, wohnte ihre beste Freundin solange in Silkes Wohnung. Den Wohnungsschlüssel hatte Meike ihr doch nie zurückgegeben.
Silke schlug die Tür des Müllraums hinter sich zu und ging zurück in das Reisebüro. Frau Kowaczewski warf ihr einen scharfen Blick zu, sagte aber nichts. Während Silke Flyer für Kinderferienlager sortierte, drehten sich ihre Gedanken um nichts anderes als Andi und den Zweitschlüssel. Zuhause war alles perfekt vorbereitet. Pizza, Kerzen, Wein. Es war zum Auswachsen. Schmerzhaft erinnerte sie sich daran, dass sie nicht die Einzige war, die an dem tiefgründigen Brit Pop-Experten interessiert war. Meike hatte ihr erzählt, dass Ariane gesagt hätte, dass Sabine nächste Woche ein Date mit Andi im Spreepark hätte.
Now or never, dachte Silke, atmete einmal tief durch und holte unauffällig ihren Pager aus der Tasche. Sie drückte auf eine grüne Taste, woraufhin das Gerät laut zu piepen begann.
„Was ist das denn?“, knurrte Frau Kowaczewski hinter ihrem Schreibtisch.
„Mein Quix“, antwortete Silke. „Also, mein Pager.“
„Neumodischer Blödsinn“, erwiderte Frau Kowaczewski barsch, während sie zugleich etwas in ihre Computertastatur hackte.
„Meine Mutter bittet um meinen Rückruf, das mache ich lieber mal. Kann ja wichtig sein“, sagte Silke.
„Jaja“, antwortete Frau Kowaczewski nun abwesend.
Silke hielt den tutenden Hörer ans Ohr und gab vor, eine Nummer zu wählen.
„Mutti? Ja, ich bin’s, Silke! Was ist denn los?“
„Was? Opa ist vom Dach gefallen? Mensch, das ist ja schrecklich!“
Frau Kowaczewski blickte von ihrem Computer auf.
„Ich kann nicht kommen, Mutti, ich muss doch heute arbeiten!“
„Ach was, er fragt die ganze Zeit nach mir?“
Nun hatte Frau Kowaczewski die Stirn in Falten gelegt.
„Ich schau mal, Mutti, ja? Nun weine doch nicht. Sag Opa, dass ich ihn sehr, sehr lieb habe!“
Dann legte Silke auf. „Mein Großvater…“
„Ja, ich habe es mitbekommen“, unterbrach sie Frau Kowaczewski mit ungewohnt sanfter Stimme. Sie räusperte sich.
„Also… Fahren Sie ruhig hin, heute ist eh nicht so viel los.“
Silke täuschte ein Zögern vor und legte eine Hand an ihre Brust.
„Sind Sie sicher?“
„Jaja“, sagte Frau Kowaczewski abwinkend.
„Aber das arbeiten Sie nächste Woche nach!“
„Klar! Danke! Opa wird sich so freuen!“, flötete Silke und dachte dabei an ihren Opa Heinz zurück, der schon seit zehn Jahren tot war – aber wegen Prostatakrebs und nicht weil er vom Dach gefallen war. Sie suchte ihre Sachen zusammen und stürmte aus dem Reisebüro zur U-Bahn.
Meikes Familie wohnte nur wenige Stationen entfernt in einem großzügigen Lichtenberger Altbau. Während der Fahrt überlegte Silke, wie sie Frau Kowaczewski die Information über die verlorenen Schlüssel beibringen würde. Ich habe meinen Großvater wiederbelebt und dabei sind mir die Schlüssel aus der Tasche gefallen. Großvaters Heizdecke hat zu brennen angefangen und ich habe das Feuer mit meiner Jacke gelöscht. Aber Schlüssel verbrennen ja nicht. Naja, irgendwas würde ihr schon noch einfallen. Jetzt gab es erst einmal wichtigeres.
***
In Meikes Zimmer war es durch die zugezogenen Gardinen noch dunkel, obwohl draußen die Sonne schien. Nur die vor sich hin tröpfelnde Lavalampe spendete etwas Licht. Meike, noch im Schlafanzug und mit zerstrubbelten Haaren, fläzte sich in ihrem riesigen pinken Beanbag und hatte einen eiförmigen Plastikgegenstand in der Hand. Mit einer langsamen Kopfbewegung schaute sie hoch zu Silke.
„Puppe, wat machst’n du hier um die unchristliche Zeit?“
„Sorry, dass ich hier so reinplatze“, sagte Silke, „aber es geht um Leben und Tod!“
„Wie wat, Leben und Tod?“, fragte Meike gähnend und rieb sich die Augen.
„Ja also, der Andi kommt doch heute“, erklärte Silke atemlos, „und vorhin wollte ich die Balaton-Kataloge weghauen und dann hab ich mich vor ner Ratte so erschrocken, dass mir der Schlüssel in den Gully da gefallen ist und nun kommen wir nicht in meine Wohnung und heute Abend kommt doch das Prinz von Bel-Air-Finale! Und Sabine geht nächste Woche auf ein Date mit Andi in den Spreepark!“
Meike runzelte die Stirn. „Also… ick hab ja jar nischt verstanden grad.“
Silke schlug die Hände vorm Kopf zusammen.
„Mensch, Meike, hör doch mal zu! Und hör auf mit dem blöden Tamagotchi rumzufummeln, das ist doch was für Kinder…“
„Es hat einen NAMEN!“, unterbrach sie Meike schroff. „Piepsi.“
Silke atmete einmal tief durch und fuhr nun mit betont ruhiger Stimme fort.
„Okay, okay. Also eigentlich wollte ich dich nur fragen, ob du den Zweitschlüssel noch hast, von damals, als ich mit Tobi an der Ostsee campen war und du bei mir gewohnt hast!“
Meike starrte gedankenverloren auf ihr herumzappelndes elektronisches Küken und sagte für zehn Sekunden erst einmal gar nichts.
„Ja. Nee“, antwortete sie dann.
„Wie, ja nee?“, schrie Silke.
„Nu warte doch ma und keif hier nich so rum am frühen Morgen!“, sagte Meike.
„Wenn de mich mal ausreden lassen würdest, würde ick dir sagen, dass ick den Schlüssel damals Tobi jegeben habe.“
„Tobi?“, schrie Silke. Mit ihm war es vor einem halben Jahr auseinander gegangen, nachdem Silke herausgefunden hatte, dass er sie auf der Love Parade betrogen hatte.
„Ja, Tobi“, antwortete Meike, „hat sich halt so erjeben damals.“
Silkes Stimme zitterte. „Ich glaub es nicht!“
Meike stöhnte, „Puppe, mach hier ma nich so’n Fass auf bitte, ja? Vor allem nich am Samstag. Ick hatte ne harte Woche mit zwei Referaten und ner Prüfung. Kleist, Schiller und so – kann die janzen Pfeifen echt nich mehr sehen. Jeschweige denn lesen.“
„Und was mache ich jetzt?“, fragte Silke kleinlaut.
„Na, jehste halt in die Turbine, da hängt doch Tobi jedes Wochenende ab. Fragste ihn nach dem Schlüssel. Fertich.“
Silke erinnerte sich an lang vergangene Zeiten, die sie gemeinsam in dem versifften, Tag und Nacht geöffneten Techno-Club verbracht hatten.
„In die Turbine… Mhm. Kommst du mit?“
„Neeeee“, antwortete Meike und winkte ab. „Wie jesagt, harte Woche. Viel Glück, Puppe.“
„Na gut“, sagte Silke und warf einen letzten Blick in das dunkle Zimmer, das flächendeckend mit No Doubt-Plakaten tapeziert war. „Dann tschau.“
„Tschau!“, sagte Meike und wand sich wieder ihrem Tamagotchi zu.
***
Dumpfe Bässe schallten aus dem Club Turbine, der sich in einem unscheinbaren Gebäudekomplex in der Nähe der Karl-Marx-Allee befand. Ein paar übernächtigte Alkohol- und Drogenleichen saßen und lagen verstreut vor dem Eingang. Ein etwa 16-jähriges Mädchen in einem kurzen, silbrig-glänzenden Kleid mit Space Buns auf dem Kopf und tellergroßen Pupillen lallte Silke entgegen: „… und deshalb haben wir bald alle KLONE! Das Schaf…“
Ihr Begleiter, ein oberkörperfreier Glatzkopf mit einer Trillerpfeife um den Hals, fiel ihr ins Wort.
„Ist nur der Anfang, jaja... Halt mal die Klappe jetzt… ich schieb grad übelst Paras…“
Er saß neben ihr auf dem Bordstein und hielt seinen Kopf in den Händen.
„Ähm“, begann Silke unsicher und taxierte das Mädchen, „ich will euch gar nicht lange nerven, aber kennt ihr zufällig Tobi? So ein langer dürrer mit grünen Haaren? Ist der da drin grad?“
Das silberne Mädchen überlegte. Dann nickte sie wild.
„JA! Und die Regierung hängt da nämlich auch mit drin!“
Ihr Oberkörper erschlaffte.
„Aber da mach ich nicht mit“, murmelte sie, dann fiel ihr Kopf zur Seite.
„Ja, der ist da drin“, nuschelte der Glatzkopf mit genervtem Tonfall.
„Danke“, sagte Silke und betrat den Club, der von buntem Strobolicht illuminiert wurde. Ihr wurde ganz schwindelig davon. Die Tanzfläche klebte unangenehm und war fast leer. Nur etwa zehn Leute tanzten zu Marushas ohrenbetäubender Techno-Version von „Somewhere over the rainbow“. Einer von ihnen war tatsächlich Tobi, der sich wie ein Derwisch immer wieder um sich selbst drehte.
Sie näherte sich ihm und tippte ihm auf die Schulter.
„TOBI?“
Er blieb stehen und lächelte weggetreten, doch fiel es ihm offenkundig schwer, den Augenkontakt zu halten. Seine Pupillen konnten mit denen des eingeschlafenen Space-Mädchens mithalten.
„ICH MUSS DICH WAS FRAGEN!“, brüllte Silke.
„Häh?“
„ICH MUSS DICH WAS FRAGEN!“
„Häh?“
„KOMM EINFACH MIT!“
Sie zog den dümmlich grinsenden Tobi mit nach draußen und bedeutete ihm, sich auf den Bordstein zu setzen. Noch bevor Silke den Mund öffnen konnte, sagte Tobi:
„Hast du Sehnsucht nach mir?“
Silke stöhnte.
„Nein, ich…“
„Du weißt, dass das der größte Fehler meines Lebens war, ne?“, dröhnte Tobi und breitete seine Arme in einer dramatischen Geste aus. Seine Hände steckten in weißen Handschuhen.
„Naja, du…“
„Die Alte is mir doch völlig schnuppe gewesen!“, unterbrach er sie wieder, „Das war einfach ein ganz, ganz übler Trip!“
„KLAPPE JETZT“, rief Silke ungeduldig.
„Wo ist der Zweitschlüssel zu meiner Wohnung?“
„Häh?“
„Der Zweitschlüssel, den Meike dir damals nach unserem Camping-Trip gegeben hat! Ich brauch den, Mann.“
Tobi kratzte sich den Kopf. Dann fiel er auf die Knie
„Ich lieb dich tierisch, Silke Kleinschmidt!“
Silke packte ihn grob an den Schultern.
„WO – IST – DER – ZWEITSCHLÜSSEL – TOBIAS?“
Nun ließ Tobi sich auf den Boden fallen, wie als wäre er angeschossen worden.
„Du hast ihn doch selbst“, flüsterte er und hielt sich die rechte Hand ans Herz.
„Häh?“, sagte Silke.
„Den Schlüssel zu meinem Herzen… Sogar den Zweit- und den Fünftschlüssel… und den Achtschlüssel auch…“
Dann bäumte sich sein Körper noch einmal auf und er lag bewegungslos da.
„Ich hasse dich“, sagte Silke.
Tobi blinzelte durch sein gerötetes rechtes Auge.
„Ernsthaft jetzt, Perle. Du hast den selbst.“
„Hm?“
Tobi rollte sich auf den Rücken und schaute nun direkt in die Sonne.
„Meike hat mir den Schlüssel gegeben und ich hab ihn in den Spiegelschrank im Flur getan.“
Silke schluckte.
„Scheiße. Jetzt komm ich echt nicht mehr in meine Wohnung.“
Tobi schnellte in die Senkrechte, er grinste manisch.
„Du kannst doch bei mir wohnen!“
Silke zeigte ihm einen Vogel und nahm ihre Tasche.
„Ganz bestimmt nicht, du Pfeife.“
Sie lief los ohne zurück zu blicken. Tobi starrte ihr traurig hinterher.
***
Silke wusste nicht wohin, der Abend rückte immer näher. Dann fiel ihr ein, dass Andi sie ja um siebzehn Uhr von der Arbeit abholen wollte und sie keine Ahnung hatte, wie sie ihn erreichen sollte, da sie seine Telefonnummer nicht bei sich hatte. Schweren Herzens kam sie zu dem Entschluss, dass ihr nichts anderes übrig blieb als zum Reisebüro zurück zu gehen.
Das Geschäft war, wie am Morgen, komplett leer. Skeptisch blickte Silkes Chefin von ihrem Computerbildschirm hoch.
„Was machen Sie denn schon wieder hier, Frau Kleinschmidt?“
„Ach“, seufzte Silke, „es ist doch… Hochwasser in Frankfurt Oder und… die Züge fahren nicht.“
Frau Kowaczewski runzelte die Stirn.
„Ich bin doch letztens erst rüber zum Polenmarkt…“
Dann gingen Silke die Ausreden aus und sie brach in Tränen aus.
„Frau Kowaczewski, es tut mir so leid! Mein Schlüsselbund ist in den Gully gefallen und jetzt komme ich nicht mehr in meine Wohnung!“
Frau Kowaczewski wirkte verdattert.
„Und Ihr Großvater?“
„Der ist schon seit zehn Jahren tot“, antwortete Silke kleinlaut.
„Ich hab… den ganzen Vormittag nach dem Zweitschlüssel gesucht, aber mein doofer Exfreund hat ausnahmsweise mal was richtig gemacht und den zuhause abgelegt damals!“
„Und dafür lügen Sie mir derart dreist ins Gesicht? Das könnte Sie ihren Ausbildungsplatz kosten!“, donnerte Frau Kowaczewski und schlug mit der flachen Hand auf den Tisch.
„Ja“, flüsterte Silke, deren Gesicht nun voller roter Flecken war.
„Ich habe heute Abend eine ganz wichtige Verabredung und… wenn wir nicht in meine Wohnung kommen, sind alle Pläne ruiniert.“
Frau Kowaczewski rollte genervt mit den Augen.
„Und Sie haben ja wohl auch keinen Schlafplatz?!...“
„Stimmt“, ging es Silke auf, „das wäre das nächste Problem.“
„Ich…“, begann sie, doch Frau Kowaczewski schnitt ihr das Wort ab:
„PSCHT.“
Sie schien angestrengt nachzudenken.
„Mittagspause. In fünfzehn Minuten. Sie und ich. Ihre Wohnung. Keine Fragen.“
***
Schweigend fuhren die beiden Frauen mit der Straßenbahn zu Silkes Haus. Glücklicherweise betrat Silkes neunzigjährige Nachbarin gerade das Haus und sie konnten ihr in den Flur folgen. Unter Silkes Führung stiegen sie vier Etagen hoch, dann deutete Silke verunsichert auf die Tür zu ihrer Wohnung.
Misstrauisch warf Frau Kowaczewski einen Blick hinunter in das Treppenhaus. Dann zog sie eine Haarnadel aus ihrem betonfarbenen Dutt und bog sie auseinander. Sie steckte den Metalldraht etwa einen Zentimeter tief in das Schloss von Silkes Wohnungstür. Dann drückte, drehte und hebelte sie etwa eine Minute lang.
Und dann sprang die Tür auf. Einfach so.
Konsterniert starrte Silke auf den Draht in der rechten Hand ihrer Arbeitgeberin.
„Wie haben Sie das…“
„Ich habe doch gesagt, keine Fragen!“, herrschte Frau Kowaczewski sie an.
„Holen Sie ihren Schlüssel und dann geht es zurück zur Arbeit, aber avanti!“
Silke öffnete das Spiegelschränkchen und atmete auf. Einmal hatte Tobi tatsächlich keinen Blödsinn erzählt – da war der Zweitschlüssel! Sie steckte ihn in ihre Tasche.
Gerade wollte Silke wieder gehen, da sah sie, dass das grüne Lämpchen an ihrem Anrufbeantworter blinkte. Sie blickte zu Frau Kowaczewski, die streng und steif im Hausflur wartete.
„Darf ich ganz kurz abhören…?“
Frau Kowaczewski grunzte, was Silke als Zeichen der Zustimmung interpretierte.
„Ja hallo Silke, hier ist Andi! Du, ich hoffe du hörst das noch… Duuuu, es tut mir voll leid, aber ich kann heute doch nicht. Titanic läuft heute zum allerletzten Mal im ‚Kosmos‘ und der Flo und die Manu aus der Studiengruppe haben den noch nicht gesehen. Voll die Schnulze, aber ich schau das eh nur aus Jux – hahahahahaha. Kannst du vielleicht Prinz von Bel-Air aufnehmen und wir gucken das morgen oder so? Freu mich! Wir hören uns! Tschau! Der Andi!“
Silke sank auf die Knie.
„KERLE“, stöhnte Frau Kowaczewski im Hausflur. Dann klatschte sie energisch in die Hände.
„Jetzt aber zurück zur Arbeit, Frau Kleinschmidt! Sie wissen ja – die ersten Kunden warten schon bis zu zwanzig Minuten vor Ladenöffnung, auch nach der Mittagspause!“
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen