Aufgabe 1 - von Sandra:
"Eine Geschichte mit den Begriffen Katze, Weltraum und Müllfahrzeug"
*** Wir schreiben das Jahr 4.537 n.d.f.R. [nach der felinen Revolte], die „Black Fuzz“ befindet sich aktuell 400 Lichtjahre von ihrem Heimatplaneten Aouin-Pyrr entfernt. ***
Snugglepuss sprang auf den Kapitänsstuhl im Zentrum der Brücke. Nachdem er sich zweimal um die eigene Achse gedreht und das Kissen flüchtig durchgeknetet hatte, ließ er sich in das beheizte Polster sinken. Er räusperte sich und drückte einen Knopf auf der hektisch blinkenden Konsole, die sich schier unendlich vor ihm auszubreiten schien: „Direkter Kurs auf Lynx-Galaxie, Sonnensystem EKH-721, Planet Molg IV.“
„Copy that, Captain“, schnarrte es aus einem Lautsprecher.
Das kistenförmige Schiff beschleunigte, der heftige Rückstoß presste Snugglepuss in die Lehne seines Stuhls. Übersprungsartig begann er seine rechte Pfote zu lecken. Zwölf Jahre auf dem Schiff, vier Jahre als Captain, und noch immer hatte er nicht die stoische Gelassenheit erlangt, die man vom wichtigsten Besatzungsmitglied eines interstellaren Raumfahrzeugs erwarten würde. Fünfzehntausend Jahre Evolution, dachte Snugglepuss frustriert, und noch immer waren sie eine derart schreckhafte Spezies. Lieutenant Furryface hatte auf dem Sitz rechts neben ihm laut zu schnurren begonnen – eine effektive Methode zur Stressbewältigung, die sie in der Akademie perfektioniert hatte. Commander Fuzztail, links von ihm sitzend, bewahrte Haltung, doch auch ihm standen die Haare zu Berge, wenn man genau hinschaute. Naja, dachte Snugglepuss, Hauptsache sie machten irgendwie ihren Job.
Beim Anflug eines Versorgungsschiffs auf Molg IV hatte es einen Vorfall gegeben, doch über genaue Details wurde die Crew der „Black Fuzz“ bisher nicht informiert. Sie wussten lediglich, dass das Schiff attackiert wurde und nun in Einzelteilen durch die Umlaufbahn des Planeten segelte. Mit anderen Worten: Weltraummüll. Viel Weltraummüll.
„Glauben Sie, das waren Rebellen, Captain?“, fragte Furryface, die mittlerweile nicht mehr schnurrte.
„Möglich“, antwortete Snugglepuss einsilbig. Das Schicksal des Versorgungsschiffes beunruhigte ihn, doch durfte er dies in seiner Position als Captain nicht einmal ansatzweise durchblicken lassen.
Dank des Hyperfelix-Antriebs und der damit verbundenen Krümmung der Raumzeit, erreichten sie EKH-721 innerhalb weniger Stunden. Vor Ort bot sich ihnen ein katastrophales Bild. Hunderte, wenn nicht gar tausende Trümmerstücke und Fragmente des ehemaligen Versorgungsschiffs „Big Fish III“ trudelten durch den leeren Raum. Gerade so schafften sie es, einer aus dem Nichts heranschießenden Thunfischdose auszuweichen. Ein Loch in der Außenwand des Schiffes würde ihnen jetzt noch fehlen, dachte Snugglepuss, während er hektisch seine linke Pfote mit der Zunge bearbeitete.
Furryface brummte nun wieder fast so laut wie die Recyclingmaschinen im Bauch des Schiffs. „Beginnen mit der Räumung, Captain?“, fragte sie mit schwer zu verbergendem Vibrato in der Stimme.
Snugglepuss hustete unauffällig einen kleinen Fellball aus. „Affirmativ.“
„Copy.“
Furryface griff nach der Joystick-artigen Apparatur, die auf ihrer Armlehne ruhte und drückte auf einen roten Knopf. Mit einem scheppernden Geräusch öffnete sich eine etwa zehn Meter breite und ebenso hohe Luke im Boden des Schiffs. Furryface drückte nun auf einen blauen Schalter, woraufhin ein langer metallener Stab aus der Luke fuhr. Am Ende des Stabs befand sich eine Schnur, an der eine überdimensionale, mit Greifarmen ausgestattete Plüschmaus hing. Durch gezielte Bewegungen des Joysticks warf Furryface die Apparatur wie eine Angel aus. Als erstes schnappte sie sich einen rotierenden Kühlschrank, der sich bereits in gefährlicher Nähe zum Schiff bewegte.
„Einholen“, ordnete Snugglepuss mit fester Stimme an.
Furryface drückte erneut auf den blauen Schalter, die Angel fuhr samt Beute zurück in die Luke und verfrachtete das Gerät in die Untiefen der „Black Fuzz“, wo die Recyclingapparaturen alles Weitere übernehmen würden.
Das wird ein langer Tag, dachte Snugglepuss und gähnte. Auf der Brücke bekam man nie genügend Schlaf – maximal zwölf bis vierzehn Stunden am Tag.
Auseinander gebrochene Küchenzeilen, ausgelaufene Milchfässer, zerborstene Kratzbäume. Trümmerstück um Trümmerstück bereinigten sie den Orbit von den Überresten der „Big Fish III“.
Die Zeit zog sich wie geronnene Sahne. Snugglepuss gähnte erneut. Mit einem Mal sprang das Kommunikationssystem an. Er zuckte zusammen. Das System übertrug tumultartige Geräusche aus einem anderen Teil des Schiffs, ohne, dass einzelne Worte zu verstehen waren. Snugglepuss aktivierte seinen Kommunikationszugang.
„Meouwster? Hazelfluff? Purrton? Kadetten, was ist da los bei Ihnen?“
Eine verzerrte Stimme ertönte aus dem Lautsprecher, die Snugglepuss als die von Kadett Hazelfluff zu identifizieren glaubte. „Cap…, wir ha… nen … ungeb… ast.“
Es ertönten Schreie. Dann brach die Verbindung ab.
Snugglepuss sträubten sich die Haare wie Commander Fuzztail während der Hyperfelix-gesteuerten Beschleunigung des Schiffs zuvor. Aus Nervosität hustete er einen weiteren, noch größeren Fellball hervor.
„G-g-g-gehen Sie nachsehen, Captain?“, fragte Furryface, die sich unter ihrem Stuhl versteckt hatte. Nur ihr buschiger, gestreifter Schwanz lugte noch hervor. Commander Fuzztail schien dagegen in eine Schockstarre mit kompletter Bewegungslosigkeit verfallen zu sein.
„S-s-s-selbstverständlich“, antwortete Snugglepuss und versuchte eine entspannte Körperhaltung einzunehmen. Du bist der Captain, dachte er, und versuchte mittels aller Willenskraft, die er aufbringen konnte, seine flach angelegten Ohren aufzurichten und den nach oben gekrümmten Rücken in eine waagerechte Position zu bringen.
Auf zitternden Pfoten folgte Snugglepuss den Geräuschen, die aus dem unteren Teil des Schiffs zu kommen schienen. Der Weg schien kein Ende zu nehmen. Ein beengter und fensterloser Gang folgte dem anderen. Kurz bevor er den Raum mit den Recyclingmaschinen erreichte kam ihm Kadett Meowster in einer wahnwitzigen Geschwindigkeit entgegengerannt. Auch ihr sträubte sich das Fell und die vor Schreck geweiteten Pupillen schienen ihre gesamten Augäpfel einzunehmen, wie zwei schwarze Löcher. Sie stoppte.
„Meowster, was ist denn bloß los?“, krächzte Snugglepuss.
„Es war … in einem der Kisten … die wir reingeangelt …“, begann Meowster atemlos, doch dann brach sie ab und raste weiter in die Richtung, aus der Snugglepuss gekommen war.
Snugglepuss atmete tief durch. Auf seinen Pfoten breiteten sich bereits lichte Stellen aus. Wenn er hier wieder rauskäme, müsste er dringend ein Seminar in feliner Stresskompetenz belegen, sonst wäre er bald kahl – und das mit nur vierzehn Jahren.
Weitere, von blinder Panik erfüllte Kadetten hasteten ihm entgegen und warfen ihn dabei fast über den Haufen, ohne ihn auch nur eines Blickes zu würdigen.
„Captain Snugglepuss ist ein starker Kater, ein mutiger Kater“, murmelte er wie ein Mantra, während er weiter auf das gewaltige Portal zum Recyclingraum zuging. Der „Raum“ mit den Ausmaßen eines Flugzeughangars war unerträglich still. Keine der Maschinen, die normalerweise unermüdlich zerkleinerten, schredderten, reinigten, schmolzen, filterten und pressten, waren mehr in Betrieb.
„Hallo?“, maunzte Snugglepuss kläglich, doch außer seinem eigenen Echo, zurückgeworfen von den hohen Decken der Halle, bekam er keine Antwort. Er war ganz allein.
Oder nicht?
Snugglepuss hatte eigentlich nie an den seiner Art nachgesagten siebten Sinn geglaubt, doch plötzlich hatte er das Gefühl, die Anwesenheit einer fremdartigen Entität erspüren zu können. Er widerstand dem Impuls, seine Pfoten zu lecken.
Mit einem Mal vernahm er eine flüsternde, geschlechtslose Stimme direkt hinter sich.
„Miez-miez…Huhu, Miezi-miez …“
Langsam drehte sich Snugglepuss um.
Er blickte dem Grauen frontal ins Gesicht. Sein Fell schien seinen Körper verlassen zu wollen, das Blut in seinen Adern zu gefrieren. Vor Entsetzen sprang er mehrere Meter in die Höhe, nur um dann flach auf dem Boden zu liegen, wie als würde er in jenen hineinschmelzen wollen. Die Furcht schien seinen gesamten Körper gelähmt zu haben.
„Cucumis…“, keuchte Snugglepuss.
„Schuldig“, antwortete die Flüsterstimme mit einem kessen Unterton.
Dutzende Legenden rankten sich um Cucumis. Snugglepuss kannte sie aus den mahnenden Geschichten, die seine Mutter ihm und seinen fünf Geschwistern erzählt hatte. Wenn ihr eure Forelle nicht aufesst, kommt Cucumis und spukt in euren Träumen. Wenn ihr noch ein einziges Mal Minze aus dem Garten stibitzt, nimmt Cucumis euch mit in sein unterirdisches Verließ. Noch ein Widerwort und Cucumis übergießt euch mit Wasser, wenn ihr nicht damit rechnet.
Die Erziehungsmethoden waren früher wirklich anders, grübelte Snugglepuss nur den Bruchteil einer Sekunde, um sich dann wieder auf seine aktuelle Situation zu besinnen.
„Ich dachte…“, begann Snugglepuss, doch dann versagte ihm die Stimme.
„Du dachtest… es gibt mich gar nicht wirklich? Das geht den meisten so“, kicherte Cucumis tonlos.
„Und wie es mich gibt!“, verkündete er dann unter manischem Lachen. „Cucumis sativus ist hier, und kommst du nicht zu ihm, dann kommt er zu dir!“
Snugglepuss erinnerte sich an den Kinderreim und begann ihn, wie unter Hypnose weiter zu rezitieren: „Aus der schwarzen Erde geboren, die Seele für immer verloren. Ob der Bosheit unter seiner grünen Haut, das kleine Kätzchen bange miaut.“
Ihm wurde schwindlig.
„Wunderbar!“, zischte Cucumis und lachte keckernd. Sein stangenförmiger Körper schimmerte im spärlichen Licht der Halle. „Eine neue Epoche bricht an, meine süße, kleine Miezekatz…“, dröhnte er nun immer lauter werdend. Blendend grünes Licht strahlte aus Cucumis‘ Leib in alle Richtungen.
Um Snugglepuss wurde es schwarz, er fiel in Ohnmacht.
Markerschütternd hallte es dann durch das gesamte Schiff: „Nennt mich Teufel, Räuber, Oberschurke – es beginnt … die Herrschaft der ALLMÄCHTIGEN SALATGURKE!“
© Alexandra Hinz
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