Mittwoch, 11. Dezember 2019

Gespenster

Aufgabe 6 - von Sebastian:
"Eine Geschichte, die in Kalifornien, Israel und Spanien spielt"

Ausdruckslos blickte Chaim in den Iris-Scanner. „Willkommen bei Kryptowarp“, hauchte eine Frauenstimme, während sich die überdimensionalen Glastüren öffneten. Hinter dem gläsernen Empfangstisch stand jedoch nur Billy, der eine Virtual Reality-Brille trug und heftig gestikulierte. Chaim räusperte sich. Als Billy ihn bemerkte, setzte er die Brille ab.

„Moment, Baby, ich bin auf der Arbeit. MOMENT!“
Kopfschüttelnd entledigte er sich seines Headsets und warf Chaim einen vielsagenden Blick zu.
„Sorry. Sorry, sorry, sorry. Guten Morgen, Doc! Schon gut eingelebt in der Kryptowarp-Familie?“
Chaim nickte. „Alle sind sehr... nett.“
„Das freut mich…“, sagte Billy, während er abgelenkt auf den Feed seines Tablets starrte.
„Jesus, FUCK. Fucking fuck! Sorry, Doc. Sie hat mich auf Hololivez gesperrt, ist das zu fassen?
„Tut mir leid“, murmelte Chaim und ging in Richtung des Fahrstuhls. Während er in das Untergeschoss des Gebäudes fuhr, checkte er den Feed seines Smartphones. Bei ihr war es jetzt Mitternacht. Nichts. Seit fast zwei Tagen hatte er nichts mehr von ihr und seiner Ex-Frau gehört.

Chaim hielt seinen Transponder an die Labortür. Wie immer stockte ihm kurz der Atem, als er den Raum betrat und sich der beißende Wildtiergeruch in seiner Nase entfaltete. Johlend schlugen Lucy und Coco mit Stöcken gegen die Gitterstäbe ihrer aneinandergrenzenden Käfige. Die jeweils fünfzehn Quadratmeter großen Käfige waren mit Bambusschaukeln, Kletterseilen und diversen Spielzeugen eingerichtet. Bestrahlt wurde das Ganze von künstlichem Tageslicht. Tierschutz wurde groß geschrieben bei Kryptowarp – so hieß es zumindest in der Einführungsveranstaltung. Trotzdem verspürte Chaim Unbehagen, wenn er in die braunen Augen der eingesperrten Bonobos blickte. In seiner bisherigen Berufslaufbahn hatte er so gut wie keine Erfahrungen mit Primaten gemacht. Die University of San Francisco hatte ihn vor fünf Jahren für die Entwicklung hitzeresistenter Getreidesorten nach Kalifornien geholt, doch nach dem letzten Regierungswechsel wurden seiner Forschungsgruppe die Gelder gestrichen. Seitdem saß er hier fest. Ein Wunder, dass Kryptowarp ihn überhaupt eingestellt hatte.

„Guten Morgen, ihr Beiden“, sagte Chaim.
Er war alleine im Labor. Die beiden Versuchsleiterinnen arbeiteten nicht am Wochenende und sein Assistent lag mit Fieber im Bett. Chaim putzte die Käfige, danach bekamen Lucy und Coco ihr Frühstück. Während sich die Affenweibchen grunzend über Bananen, Orangen und Äpfel hermachten, blätterte Chaim in den Protokollen der letzten Wochen. Sie befanden sich mittlerweile in Phase fünf der Testreihe. Es hatte nur noch wenige Zwischenfälle gegeben. Vor drei Monaten war ein Versuchsobjekt namens „Mona“ mit einem fehlenden Arm zurückgekehrt. Menschliches Versagen, sagten seine Kollegen. Ein Entwickler wurde entlassen. Seitdem lief alles glatt. Lucy war schon mehrmals gereist und Coco war auch bald soweit. Er klappte das Laborbuch zu.

„An die Arbeit, okay?“
Die Bonobos sprangen aufgeregt auf der Stelle. Chaim betrat Cocos Käfig, nahm die Äffin bei der Hand und führte sie in einen mit Glaswänden abgeschlossenen Bereich des Labors. Lucys enttäuschtes Zetern verstummte, als sich die Tür hinter ihnen schloss.

Sit“, sagte Chaim und deutete auf einen weißen Hocker.
Coco kletterte hinauf. Als Belohnung bekam sie eine Dattel, die sie umgehend in den Mund stopfte. Neben dem Hocker stand ein metallener Rollwagen, auf dem sich etwa dreißig verschiedene Gegenstände befanden.
Chaim deutete auf den Wagen. „Cam.“
Ohne zu zögern griff Coco nach einem schwarzen Stirnband, an dem eine Kamera von der Größe eines Hosenknopfes befestigt war.
Attach.“
Mit ungelenken Handbewegungen zog Coco sich das Stirnband über und streckte ihre faltige Hand aus. Chaim gab ihr noch eine Dattel. Falls die Tiere die Kamera während einer Reise verlören, war es wichtig, dass sie sie wieder selbstständig befestigen könnten.
Control.“
Coco zögerte etwa zwei Sekunden lang, griff dann nach einem weißen quadratischen Plastikblock und streckte ihn Chaim entgegen.
„Nein, Coco“, sagte Chaim und schüttelte mit dem Kopf.
Control.“
Zweimal griff Coco noch daneben, dann nahm sie eine weiße Fernbedienung von der Größe einer Kreditkarte in die Hand und schaute Chaim fragend an. Auf der Oberfläche des Geräts befanden sich drei schwarze Knöpfe in verschiedenen Formen. Im Gegensatz zu ihrer Kollegin Lucy kannte Coco die Bedeutung der Wörter square, triangle, circle noch nicht. Eine Aufgabe für einen anderen Tag, dachte Chaim und nahm ihr die Fernbedienung ab.

Mit einem Mal schoss ihm ein Bild in den Kopf: ein Mädchen inmitten eines Chaos aus geometrischen Formen. Rote, gelbe und blaue Bauklötze. Schwarze Zöpfe. Braune Kakaoflecken auf dem Teppich. Die Details und Farben überfluteten Chaims Gehirn in einer Geschwindigkeit, dass ihm schwindlig wurde. Dann zupfte es an seinem Ärmel.
„Sehr… sehr gut, Coco“, sagte Chaim mit zitternder Stimme und gab Coco die ersehnte Dattel. Er trank ein Glas Wasser, danach wiederholten sie die gesamte Prozedur noch einmal von vorne. Und dann noch einmal. Nach dem dritten Durchlauf bettelte Coco nach noch mehr Süßigkeiten, doch für heute war Schluss. Chaim führte sie zurück in ihren Käfig, wo sie in einem hohen Satz auf ihre Bambusschaukel sprang.

Danach war Lucy an der Reihe. Sie war im Training bereits wesentlich fortgeschrittener als Coco, konnte die Formen korrekt zuordnen und eine Reihe an weiteren Befehlen ausführen: „Go left“, „explore“, „go right“ und so weiter. In der nächsten Woche würde Lucy noch weiter gehen als beim letzten Mal. Mit Gänsehaut erinnerte sich Chaim an ihre letzte Reise – die erste, die er am Bildschirm mitverfolgen durfte. Für etwa fünf Minuten hatten sie alle Lucys Perspektive eingenommen, hatten sich, genau wie sie, orientierungslos in dem dunklen, verlassenen Waldstück umgeblickt und dann begonnen die Umgebung in einem Radius von wenigen Metern zu erkunden. Er hatte sich gefragt, was passieren würde, hätte Lucy sich in diesem Moment dafür entschieden, nicht wieder in ihre Gefangenschaft zurückzukehren. Im Grunde war es ihm ein absolutes Mysterium, wieso sie immer wieder freiwillig zurückkam. Aber er war eben kein richtiger Verhaltensbiologe, so wie Lauren oder Monica. Den gesamten Rest des Tages verbrachte Chaim damit die Videoaufnahmen der vergangenen Reisen zu studieren.

Chaim zuckte zusammen, als um achtzehn Uhr fünfundfünfzig die gleiche körperlose Frauenstimme wie am Morgen aus einem Lautsprecher an der Wand erschallte: „Ihre Schicht endet in fünf Minuten.“ Gerüchte besagten, dass die omnipräsente Stimme der Kryptowarp-Gründerin gehöre, doch die meisten Mitarbeiter hatten Professor Serena Dixon noch nie zu hören, geschweige denn zu sehen bekommen. Er gab den Bonobos ihr Abendessen – Mehlwürmer und Eisbergsalat – dann warf er seinen Parka über und verließ das Labor. Im Fahrstuhl traf er eine junge Frau, die er aus der Einführungsveranstaltung kannte. Er konnte sich weder an ihre Tätigkeit noch ihren Namen erinnern. Sie lächelte und grüßte. Chaim checkte sein Smartphone und biss die Zähne aufeinander. Nichts und wieder nichts. Stumm verließen sie nebeneinander den Fahrstuhl.

„Schönen Abend noch, Doc!“, sagte Billy fröhlich, als Chaim das Drehkreuz durchschritt.
„Ja, schönen Abend“, sagte Chaim.
„Meine Lady hat sich übrigens wieder eingekriegt!“, feixte Billy.
Chaim blieb stehen und zog die Augenbrauen hoch.
„Es ist bloß einfach so hart“, sagte Billy dann und sank in sich zusammen. Theatralisch raufte er seine sonnengebleichten Haare.
„Verdammte Fernbeziehungen! Blödes Alaska! Niemand kann sich mehr Flüge leisten außer die da oben und wir sind dazu verdammt, auf immer und Hologramme zu vögeln – wenn man dieses Trauerspiel überhaupt so nennen kann.“
Zwei Anzugträger, die den Empfang passierten, warfen Billy irritierte Blicke zu. Chaim fragte sich, was es war, das Leute dazu bewog, ihm immer wieder ungefragt ihr Seelenleben offen zu legen.
„Sorry, Doc, ich weiß nicht, was mit mir los ist! Es ist das Wetter oder so. Schon wieder über vierzig Grad. Meine Familie kommt aus Schweden, fünfte Generation schon, aber wir sind nicht gemacht für diese gottverdammten Temperaturen…“
Chaim rang sich ein müdes Lächeln ab. Zwischen ihnen lagen nur etwa sechs oder sieben Jahre, aber neben dem Endzwanziger fühlte er sich wie ein alter Mann. Zwei Tage.
„Das ist schon okay.“
Achtundvierzig Stunden.
„Ich weiß gar nicht mehr, wie sich das anfühlt, Doc! Verstehen Sie?“
Knapp dreitausend Minuten.
„Wie es ist, sie in meinen Armen zu halten!“
Pro Minute sterben dreihundert Menschen weltweit, das hatte Chaim vor kurzem gelesen.
„Und wie es ist, sie zu riechen!“
Auf Chaims Stirn bildeten sich Schweißperlen.
„Doc, der Mensch ist doch nicht dafür gemacht, immer nur…“
Mit einem Mal platzte etwas in Chaim und erzeugte gespenstische Ruhe in seinem normalerweise konstant vor sich hin plappernden Gehirn.
„Billy.“
„Ja?“
„Ich glaube, ich habe noch etwas im Labor vergessen.“
 „Okay, Doc“, antwortete Billy, wie aus einer Trance gerissen.
„Ich geh dann über das Parkdeck raus.“
„Mhm“, murmelte Billy, der mittlerweile wieder hektisch auf den Bildschirm seines Tablets tippte.

Zum dritten Mal an diesem Tag ging Chaim durch das Drehkreuz, um in das Labor zurück zu hasten. Die Bonobos lagen in ihren Hängematten und waren sichtlich verwundert, Chaim so schnell wiederzusehen.
„Bin ich verrückt?“, sprach Chaim in den Raum, keine Antwort erwartend.
So war das nicht geplant gewesen. Zumindest nicht so kurz nach seinem Antritt bei Kryptowarp. Er hatte noch etwas warten und beobachten wollen, mindestens eine oder zwei Wochen, aber nun war das Ding in Chaims Gehirn geplatzt, wie ein Aneurysma, und es gab kein Zurück mehr. Er musste sich beeilen. In einer halben Stunde würde der Sicherheitsdienst das erste Mal vorbei kommen.  Chaim betrat den Glaskasten, in welchem er vorhin mit Coco und Lucy trainiert hatte. An der hinteren Wand, die als einzige nicht aus Glas bestand, befand sich ein schwarzes Keypad mit weißen Ziffern. Mit zitternden Händen tippte er die Ziffern 2-0-2-4 in das Pad. Das Geburtsjahr von Monicas Sohn. Wenn er mit seinem Plan davon kommen sollte, würde er ihr empfehlen, einen sichereren Code zu wählen. Nahezu geräuschlos und nur von einem leisen Zischen begleitet, öffnete sich eine in der Wand verborgene gepanzerte Tür.

Chaim durchquerte den Eingang und zog die Tür hinter sich zu. Seine Augen brauchten einige Momente, um sich an die Dunkelheit zu gewöhnen. Lediglich einige rot leuchtende Lämpchen warfen lange Schatten an die Wand. Er kauerte sich direkt unter die Überwachungskamera und zog sein Smartphone aus der Tasche. Chaim war noch nie ein Technik-Genie gewesen, doch mit Hilfe eines zwielichtigen Kontakts aus dem Darkweb hatte er es vor einer Woche zum ersten Mal geschafft, sich in die Sicherheitssysteme von Kryptowarp zu hacken. Dreitausend Dollar hatte ScriptKidX99 zunächst von ihm verlangt; auf zweitausend hatte Chaim ihn runterhandeln können. Seine Fingerspitzen waren mittlerweile so schwitzig, dass er Probleme hatte, den Touchscreen zu bedienen, doch nach wenigen Momenten begannen hunderte Kommandozeilen über den Bildschirm zu rasen. Das Ganze endete abrupt, nach etwa zehn Sekunden mit der Information „Freeze frame complete“. Da Chaim nicht überprüfen konnte, ob die Kamera ab diesem Zeitpunkt tatsächlich nur noch ein Standbild übertrug, blieb ihm nichts anderes übrig, als den Hacker-Fähigkeiten von ScriptKidX99 zu vertrauen.

Er schaltete das Licht ein und blickte auf den Stuhl, der in der Mitte des Raumes platziert war, wie ein Ausstellungsstück aus einer Zeit, als verurteilten Mördern noch Stromschläge durch das Gehirn gejagt wurden. Ein kalter Schauder breitete sich auf Chaims Rücken aus. Er setzte sich an das Schaltpult gegenüber des Stuhls und startete die Software, nach deren Code sich tausende Konkurrenzunternehmen weltweit die Finger leckten. Er gab zunächst seine biometrischen Daten ein, dann die Koordinaten, die er in weiser Voraussicht bereits vor Wochen auf einen Zettel geschrieben und in seine Brieftasche gesteckt hatte. Anschließend betätigte er einen unscheinbaren Kippschalter und eilte hinüber zu dem Monstrum aus Holz, Stahl und Drähten.

Thirty seconds, verkündete die körperlose Stimme aus einem Lautsprecher. Chaims Knie schlotterten, während er sich auf der harten Sitzoberfläche niederließ. Er steckte die Fernbedienung in seine Jackentasche. Das Adrenalin vermengte seine Panik mit Ekstase. Falls es klappte, wäre er der erste Mensch, der auf diese Art und Weise reisen würde. Im besten Falle würde nie jemand davon erfahren. Im schlechtesten Falle, wäre er vielleicht bald tot.
Twenty seconds. Kakaoflecken auf dem Teppich und bunte Bauklötze. Die Fixiermanschetten, die sich um Chaims Handgelenke gelegt hatten, waren schwer und kalt. Langsam baute sich das violett wabernde Kraftfeld um ihn auf.
Ten seconds. Unwillkürlich schossen Chaim Filmaufnahmen von Mona in den Kopf, wie sie vor Schmerzen schreiend, blutend und mit einem Arm weniger zurückgekehrt war.
Five seconds. Das Kraftfeld um ihn knisterte ohrenbetäubend. Die Phantomschreie der Schimpansin in seinem Kopf wurden lauter. Es war zu gefährlich. Ein Wahnsinn. Was hatte er sich nur dabei gedacht? Chaim rüttelte an den Manschetten, doch die Mechanik verhinderte, dass er sich befreien konnte. Sein Herz wummerte unerbittlich.
One second. Schweiß rann von Chaims Stirn. Er ergab sich.
Zero.
Go.

Für den Bruchteil einer Sekunde fühlte sich Chaim, als risse eine unsichtbare Kraft jede Faser seines Körpers in eine unterschiedliche Richtung. Dann wurde alles schwarz.

***

„Señor? ¿Está bien?”
Als Chaim erwachte, beugte sich jemand über ihn.
„¿Necesita una ambulancia?“
Der helle Vollmond machte aus der Gestalt mit der rauchigen Frauenstimme einen Scherenschnitt. Ruckartig richtete er seinen Oberkörper auf, Sternchen tanzten vor seinen Augen. Links und rechts von ihm versanken seine Finger in feinem, weißem Sand.

„¡No se mueva, Señor! Necesita…”
„Wo bin ich?“, wisperte Chaim.
„Ah… Inglés, si? Geht es Ihnen gut? Sie haben mir einen ganz schönen Schrecken eingejagt…“
„Wo bin ich?“
„Am Strand, Señor, Sie sind am Strand ohnmächtig geworden.“
„Wo… An welchem Strand?“
Langsam nahm das Gesicht der Gestalt Konturen an. Sie runzelte die Stirn.
„Playa de Sant Miquel… Barcelona.”
Übelkeit stieg in Chaim auf.
„Das ist nicht möglich…“
„Doch, Señor. Ich rufe jetzt die Ambulancia. Bleiben Sie liegen!“
„Nein, nein, nein, nein, ich bin hier falsch“, keuchte Chaim.

Die Frau strich sich Ihre braunen Locken hinter die Ohren und legte eine Hand auf seine Schulter.
„Está bien, está bien. Bleiben Sie liegen. Sind Sie illegal hier? Haben Sie keine Angst.“
Entgegen den Bemühungen der Frau, schaffte es Chaim, sich aufzurappeln. Er blickte sich um. Der Strand war menschenverlassen. Eine kreischende Möwe flog in Richtung des Meers, wo sie in der Dunkelheit verschwand. Tränen schossen ihm in die Augen.
„Nicht illegal… ich… ich will doch nur zu meiner Tochter…“, flüsterte er.
Dann gaben seine Beine nach. Immerhin fiel er weich. Die Frau setzte sich in den Sand neben ihn und nahm seine eiskalte Hand.
„Tranquilo, Señor, tranquilo. Alles in Ordnung. Ich heiße Elena. Und Sie?“
„Chaim.“
„Ulkiger Name. Wo ist denn Ihre Tochter, Chaim?“
Er schluckte.
„In Tel Aviv.“
Wieder kräuselte sich ihre Stirn.
„So weit weg. Sie müssen aber reich sein!“
„Bin ich aber nicht“, murmelte Chaim, der nun wieder auf dem Rücken lag und seine Augen schloss.
„Verstehe“, sagte Elena und blickte aufs Meer.
„Warum ist Ihre Tochter in Tel Aviv und Sie nicht?“
Chaim schluckte.
„Sie haben mir Geld geboten. Viel Geld, damit ich nach San Francisco ziehe.“
Elena schwieg einen Moment.

„Ich habe Europa ja nur ein einziges Mal in meinem Leben verlassen“, sagte sie dann. „Erinnern Sie sich an den furchtbaren Tsunami auf den Philippinen vor fünf Jahren?“
Chaim nickte, obwohl er sich nicht erinnern konnte. Die Nachrichten berichteten sowieso von einer Naturkatastrophe nach der anderen.
„Ich kannte ihn ja gar nicht. Also, meinen Vater“, sagte Elena. „Er lebte in Manila. Meine Mutter hat ihn im Urlaub kennengelernt. Im Urlaub auf den Philippinen – können Sie sich das vorstellen? Das ist doch an Dekadenz nicht zu übertreffen.“
Plötzlich lachte sie so laut auf, dass Chaim zusammenzuckte.
„Ich weiß überhaupt nicht, warum ich Ihnen das alles erzähle!“
Dann verdüsterte sich ihre Miene wieder.
„Meine Mutter ist ausgeflippt damals. Sie hat es nicht verstanden. Alle meine Ersparnisse – futsch. Aber ich wollte ihn doch wenigstens einmal sehen, wenn auch im Sarg. Und ich habe die Wolken von oben gesehen!“

Sie schüttelte energisch mit dem Kopf, als wolle sie das Bild wieder vertreiben.
„Naja, und was machen wir jetzt mit Ihnen, Chaim?“
„Ich muss das korrigieren“, antwortete er zerstreut und griff in seine Jackentasche.
 „Suchen Sie das?“, fragte Elena und hielt sich das kleine weiße Kästchen vors Gesicht.
„Das lag da drüben. Was macht denn man damit?“
Chaim wurde bleich und sprang auf. Seine Beine schlotterten noch immer.
„Geben Sie das her, das ist gefährlich!“
Elena brach in schallendes Lachen aus. Eine Windböe bauschte Ihren knöchellangen bunten Rock auf, während sie barfuß in Richtung Wasser tänzelte.
„Vale, vale… Muy peligrosa! Sehrrrrr gefährlich… Señor Mister Chaim aus San Francisco, ich glaube Sie sind ein wenig verrückt, aber das ist schon in Ordnung.“
„Halt!“, brüllte Chaim und taumelte ihr hinterher.
Immer wieder griff er ins Leere. Elena war einen halben Kopf größer als er und nicht von den körperlichen Nachwirkungen einer Teleportation um den halben Globus betroffen. Mittlerweile standen sie beide knöcheltief im Wasser.

„Wenn das Gerät ins Wasser fällt, stecke ich hier fest! Geben Sie es her!“
„Ist das so?“, spottete Elena. „Wenn Sie mir sagen, was das ist, gebe ich es Ihnen wieder zurück. Versprochen!“
Sie hielt das Gerät zwischen zwei Fingern über die Wasseroberfläche.
„Sie sind ja völlig verrückt“, flüsterte Chaim und vergrub sein Gesicht in den Händen.
„Das ist ein Induktor…“
„Ein was?“
„Ein Kraftfeld-Induktor… Für die Des- und Re-Integration von organischer Materie….“
Seine Stimme brach.
„Was habe ich Ihnen eigentlich getan? Warum tun Sie das?“
Elena erstarrte abrupt in ihrer tänzelnden Bewegung. Ihre Augen bohrten sich in Chaims.
„Tut mir leid“, sagte sie nach einigen Momenten des Schweigens. „Manchmal bin ich ein unsensibler Klotz. Was glauben Sie eigentlich, warum ich zu so einer unchristlichen Uhrzeit hier herumstreune?“
Chaim zuckte hilflos mit den Schultern.
 „Ich bin ein Gespenst“, sagte Elena. „Un fantasma… Keine Verpflichtungen auf dieser Welt, außer zu spuken und mein Unwesen unter den Lebenden zu treiben.“
Nachdenklich schaute sie auf den Gegenstand in ihrer Hand.
„Ich denke ich mag sie, Chaim. Sie sind noch verlorener als ich, wenn Sie Angst vor so einem kleinen Ding haben.“

Dann begann sie wahllos auf die Knöpfe der Fernbedienung zu drücken. Die Luft entwich aus Chaims Lungen, als hätte ihm jemand in den Magen geboxt. Augenblicklich begann die Luft zu knistern und an der Stelle, wo Chaim erwacht war, baute sich nach und nach das violett wabernde Kraftfeld auf. Elenas Augen weiteten sich, wie hypnotisiert starrte sie auf das unwirkliche Schauspiel.
Chaim nutzte diesen Moment, um ihr die Fernbedienung zu entreißen und loszurennen. Er wusste, dass ihm jetzt nur noch wenige Sekunden blieben. Jeder Schritt verlangte ihm größte Anstrengung ab. Er stellte sich direkt in das Zentrum des Kraftfelds und hielt seine Hand vor die Augen, um sich vor den grellen violetten Lichtblitzen zu schützen.

Plötzlich zog etwas an seinem Ärmel.
„Hauen Sie ab!“, brüllte Chaim.
Elenas Augen funkelten. Ein entrücktes Grinsen breitete sich auf ihrem Gesicht aus.
„Señor Chaim – ich komme mit. Das ist doch alles kein Zufall!“
Sie krallte sich an ihm fest, ihre Fingernägel gruben sich schmerzhaft in seinen Arm. Chaims Gedanken rasten. Zwei Reisende, das würde niemals klappen. Er blickte in Elenas kindliches Gesicht.
„Es tut mir leid. Wirklich.“
Er stieß mit seiner freien Hand gegen ihre Schulter, doch Elenas Griff war zu stark. Gemeinsam fielen sie in Richtung Boden. Bevor sie aufschlugen umhüllte sie Schwärze.

***

Chaim schaute an sich herunter. Seine Füße waren nass. Auf seinem Unterarm zeichneten sich kleine rote Halbmonde ab. Elena lag einige Meter entfernt von ihm bewusstlos auf dem Linoleumboden. Sie blutete aus der Nase, aber sie atmete. Chaim wankte vom Stuhl hinüber zu dem Schaltpult. Dort stellte er fest, dass die Koordinaten nach der Eingabe offenbar wieder auf die Default-Einstellung zurückgesprungen waren. Playa de Sant Miquel. Es dämmerte ihm. Der Erfinder der Technologie hieß Michel. Michel Beachum aus Hot Springs, Arkansas. Hysterisches Lachen schüttelte Chaim für einen kurzen Moment. Dann mobilisierte er seine letzten Kräfte und tippte ein weiteres Mal die Koordinaten ein. Nachdem er sich versichert hatte, dass sie dieses Mal korrekt bestätigt waren, schleppte er sich zurück zu dem Stuhl. Er starrte auf Elenas schlaffen Körper.

Dreißig Sekunden.

Chaim sank in sich zusammen. Er schloss die Augen. Hinter seinen Lidern tanzten weiße Sternchen. Sie würde okay sein. San Francisco würde ihr gefallen. Vielleicht könnten sie und Billy Freunde werden. Sie könnten mit Fahrrädern über die Golden Gate Bridge fahren und zusammen die Seelöwen anschauen.

Zwanzig Sekunden.

Das laute Knallen von Stiefelabsätzen auf dem Linoleum riss Chaim aus seiner Trance. Im Hintergrund hörte er Coco und Lucy aufgeregt kreischen. Der violette Nebel um ihn verdichtete sich.
 „Was machen Sie da, Mann? Kommen Sie SOFORT da weg! Machen Sie das aus!“
Ein rotgesichtiger zwei Meter-Hüne in Kryptowarp-Uniform stand in der Tür zum Labor.

Zehn Sekunden.

Chaims Gedanken rasten. Er steckte eine Hand in seine Hosentasche.
„Ko-kommen Sie nicht näher, ich habe eine Waffe!“
„BULLSHIT!“, proklamierte der uniformierte Hulk.
„Was auch immer Sie da vorhaben, hören Sie sofort auf damit!“
Er preschte mit schweren Schritten auf Chaim zu, zog seinen Taser und zielte auf ihn.

Fünf Sekunden.

Das war’s also, dachte Chaim. Hoffentlich würde sich sein Nachfolger gut um Lucy und Coco kümmern. Hoffentlich könnte sie ihm verzeihen. Hoffentlich… Sein Kinn sank zur Brust.
Plötzlich ertönte ein schriller Schrei. Der Hulk zuckte zusammen.

„¡Oye, Señor Schwarzenegger!“
Elena stand direkt hinter dem Wachmann. Aus ihrer Nase tropfte noch immer Blut, doch auf ihrem Gesicht hatte sich wieder das wahnsinnige Grinsen ausgebreitet.
„Lassen Sie meinen Freund in Ruhe!“
Noch während der Wachmann sich umdrehte, schlug ihm Elena den Taser aus der Hand. Der Hulk verlor das Gleichgewicht und stolperte rückwärts, wie in Zeitlupe, über eine dünne schwarze Leitung am Boden. Chaim beobachtete, wie sein massiger Körper ungebremst nach hinten stürzte. Im gleichen Moment löste sich ein Kabel aus seinem Port an dem Stuhl. Game Over, dachte Chaim.

Eine Sekunde.

Elena lächelte ihn an.
„Buena suerte, Señor Chaim. Von einem Gespenst zum…“
Das Nichts umhüllte ihn wie einen alten Bekannten.

***

Es war immer noch schwarz, aber da waren auch ein sengender Schmerz in seinem Steißbein und Salz in seinem Mund. Chaim betastete seinen Kopf, seinen Rumpf, seine Arme und Beine. Er war noch da, bloß die Welt um ihn nicht mehr. Er konnte nichts mehr sehen.

„Tata?“

Die schlaftrunkene Stimme eines Engels. Chaims Kehle schnürte sich zusammen. Vielleicht war er nicht blind, sondern tot. Gestorben auf dem elektrischen Stuhl.

„Neschama, meine Seele?“
„Ich bin hier. Ist das ein Traum?“
Der pechschwarze Raum um Chaim schien sich in alle Richtungen auszubreiten und ihn dabei zerreißen zu wollen.
„Es… es tut mir leid, dass es so lange gedauert hat.“
„Ich weiß, Tata.“

Der schwarze Sog wurde überwältigend. Desintegration, dachte Chaim. Die finale Auflösung. Doch dann schlang sich ein dünnes Paar Arme um seinen Oberkörper. An seinem Hals spürte er ihren glattrasierten Schädel.

„Wie bist du bloß hier her gekommen, Tata? Und was ist mit deinen Augen?“
Der unendliche Raum schrumpfte wieder zusammen. Da waren kalte Fliesen und warme Haut und der Geruch nach schlechtem Krankenhausessen und Desinfektionsmittel. Und Tränen an seinem Hals. „Das spielt keine Rolle, Neschama. Keine Rolle.“

Sie begann zu husten. Die Bauklötze hatten keine Farben mehr, aber ihre Formen waren umso deutlicher. Es gab noch eine Welt. Eine Welt mit Bambusschaukeln und Möwen und Golden Gate Bridges. Und seine Tochter war noch immer ein Teil davon. Vielleicht könnten sie eines Tages zusammen die Seelöwen am Pier 39 anschauen. Wenn diese nicht gerade einer kalten Wasserströmung hinterherjagten.

Und wenn schon.

Langsam, ganz langsam setzte Chaim sich wieder zusammen.

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